Der verlorne Sohn
ihm der Lieutenant von Randau. Sie erschraken außerordentlich, denn nun erkannten sie, daß sie nicht allein gewesen seien, sondern belauscht worden waren.
»Darf ich fragen, wen ich die Ehre habe –?« meinte der junge Arzt, indem auf seinem Gesichte sich ein höchst unternehmendes Lächeln bemerken ließ.
Der Director faßte sich schnell und antwortete:
»Ich bin der Director Baumgarten vom Circus Réal.«
»Und dieser Herr?«
»Mein Cassirer.«
»Danke! Wollen Sie die Freundlichkeit haben, noch einige Augenblicke zu verweilen? Bitte nehmen Sie Platz!«
Er zeigte nach dem Tische, welcher hinter dem Ofen stand. Unterdessen raunte der Lieutenant, von den Beiden unbemerkt, der Kellnerin zu: »Schnell, Polizei holen!«
Im Nu war das Mädchen verschwunden.
»Wir standen im Begriff, aufzubrechen,« warf der Director jetzt abwehrend ein.
»O, vielleicht haben Sie doch einige Minuten für uns übrig. Ihr interessantes Gespräch –«
»Sie haben es gehört?« fragte der Director schnell.
»Ja. Wir saßen dort am Tische und wollten Sie nicht stören. Also, Ihr interessantes Gespräch läßt uns annehmen, daß Ihr Circus überhaupt viel Interessantes bietet, und da haben wir den Wunsch, uns ein Wenig zu orientiren.«
Dem Cassirer merkte man an, daß er noch gern geblieben wäre. Er mochte meinen, einen guten Gratistrunk thun zu können. Aber dem Director kam das Lächeln des Arztes nicht recht geheuer vor. Er antwortete:»Bitte, bitte, ein anderes Mal, meine Herren!«
»Ist uns leider unmöglich, da wir die Stadt verlassen. Also, nehmen Sie immerhin gefälligst Platz!«
Er nahm den Director am Arme, um ihn nach dem Tische zu führen, erhielt aber die Weigerung:
»Ich muß allen Ernstes bemerken, daß wir keine Zeit mehr haben, meine Herren.«
»Und ich muß bemerken, daß wir Sie nicht fortlassen werden. Wir sind nun einmal darauf versessen, Ihre nähere Bekanntschaft zu machen.«
»Wollen Sie uns pressen wie englische Matrosen?«
»Nötigenfalls, ja!« lachte Zander gemüthlich.
»Da protestire ich denn doch allen Ernstes! Es ist doch wohl nicht gesellschaftliche Sitte, einen Menschen mit Gewalt zum Bleiben zu nöthigen.«
»O, in gewissen Kreisen der Gesellschaft wird dies sogar sehr oft und mit Erfolg angewendet. Besonders hier in Rollenburg, wo gar Mancher gegen seinen Willen zu einem ungewöhnlich langen und äußerst unangenehmen Verweilen gezwungen gewesen ist.«
»Mein Herr, Sie führen eine eigenthümliche Sprache!«
»Weil Sie eine so eigenthümliche Geschichte erzählten.«
»Was geht Sie meine Erzählung an! Lassen Sie uns fort!«
»Nein, Sie bleiben!« sagte Zander in seinem ernsthaftesten Tone.
»Oho! Wer sind Sie!«
»Mein Name ist Zander; ich bin Arzt. Die Uniform dieses anderen Herrn sagt Ihnen, was er ist.«
»Was Sie sind, das ist mir sehr gleichgiltig. Ich brauche weder einen Arzt noch einen Exerciermeister. Machen Sie Platz, sonst bin ich gezwungen, nachzuhelfen!«
»Nicht so hitzig, Herr Director! Sie befinden sich weder in der Manege noch bei der Dressur eines armen, schwachen und wehrlosen Frauenzimmers!«
»Donnerwetter! Was soll das heißen? Etwa gar eine Drohung? Was kümmern Sie sich um meine Angelegenheiten? Sehen Sie erst mich an und dann sich! Sie werden erkennen, daß ich keinen Grund habe, mich zu fürchten!«
Er fuchtelte mit seiner Reitpeitsche vor sich herum und wendete sich nach Thür. Dort aber hatte der Lieutenant nach ein paar schnellen Schritten Posto gefaßt.
»Sie werden bleiben, Herr Baumgarten!« befahl er in kurzem, gebieterischem Tone.
»Fällt mir nicht ein! Platz gemacht!«
»Nun, da Sie uns nicht zu verstehen scheinen, erkläre ich Ihnen, daß wir Sie mit Arretur belegen!«
»Arretiren! Uns arretiren?«
»Ja, wie Sie sehen!«
»O, ich sehe noch gar nichts! Ich sehe nur, daß da die Thüre ist, und daß Sie uns im Wege sind. Weg mit Ihnen!«
»Halt! Keinen Schritt weiter. Sie sind unser Gefangener! Etwaigem Widerstande werde ich mit blanker Waffe zu begegnen wissen. Ich spreche im Ernste!«
Er hatte dabei den Degen gezogen und hielt die Klinge wirklich zum Stoße bereit.
»Himmeldonnerwetter! Das ist mir noch nicht begegnet, in meinem ganzen Leben noch nicht!« rief der Director.
»Mir auch nicht!« stimmte der Cassirer bei.
»Nun, so machen Sie eben heute diese Erfahrung zum ersten Male,« bemerkte Zander. »Vielleicht lassen Sie es sich zur Warnung dienen und recognosciren die Orte, an welchen Sie von Ihren Geschäftsgeheimnissen
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