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Der verlorne Sohn

Der verlorne Sohn

Titel: Der verlorne Sohn Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Karl May
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sofort! Später, als ich innerlich ruhiger wurde, kehrte auch die Erinnerung zurück. Und nun werde ich dieses Gesicht wohl nie wieder vergessen.«
    »Und wie steht es mit der Stimme?«
    »Ich würde sie an dieser erkennen.«
    »Das ist sehr gut, denn Sie werden dieses Frauenzimmer zu sehen bekommen.«
    Sie sah ihn starr und ausdruckslos an. Ihr Gesicht blieb bleich und ihr Blick leer; aber ihr Kopf neigte sich auf die Seite, als ob sie etwas gehört habe, worauf sie länger lauschen müsse, um es zu verstehen. Und jetzt, jetzt hob sie den Kopf mit einem raschen Rucke; ihr Blick flammte auf, und ihre Wangen rötheten sich.
    »Ich soll sie sehen?« stieß sie hastig hervor.
    »Ja.«
    »So hat man sie? Sie ist aufgefunden worden?«
    »Ja.«
    Sie breitete die Hände aus, als ob sie nach einem festen Halt suchen wolle, drehte sich langsam um sich selbst, wie von einem plötzlichen Schwindel erfaßt, und – wäre zu Boden gesunken, wenn Holm sie nicht rechtzeitig ergriffen hätte.
    Er ließ sie in einen Stuhl nieder. Aber kaum berührte sie den Sitz desselben, so schnellte sie wieder empor.
    »Gott, mein Gott!« rief sie. »Ich darf nicht ohnmächtig werden; ich will nicht, ich will nicht! Also, sie ist entdeckt, entdeckt, entdeckt?«
    »Ja, mein Kind.«
    »So muß sie auch sagen, daß sie die Kinder verwechselt hat?«
    »Man wird sie dazu zwingen.«
    »Und daß ich unschuldig bin?«
    »Das wird sie wohl nicht leugnen können, denn wir haben Ihren Knaben endlich gefunden, und die Mörderin befindet sich bereits hinter Schloß und Riegel!«
    Da sank sie auf ihre Kniee nieder, faltete die Hände und rief unter einem gewaltsam hervorbrechenden Schluchzen: »O, Du lieber, lieber Gott, wie danke ich Dir! Wie oft habe ich an Deiner Gerechtigkeit gezweifelt, nun aber weiß ich, daß ich wieder an Dich glauben darf.«
    Dann erhob sie sich und fragte den Director:
    »Herr Regierungsrath, glauben Sie jetzt, daß ich keine Lügnerin bin?«
    Er streckte ihr die Hand entgegen und antwortete:
    »Ich habe mich geirrt und will darum thun, was ich für meine Schuldigkeit halte: Ich bitte Sie um Verzeihung!«
    »Sie nennen Sie mich? Sie? O, wie unglücklich bin ich über dieses ›Du‹ und über diese ›Hundertsechzig‹ gewesen! Nun lassen Sie mich in meine Zelle zurückschaffen! Ich will gern warten, Monate lang warten, bis meine Unschuld an den Tag gebracht worden ist. Denn ich kann mir denken, daß die Untersuchung wieder aufgenommen wird.«
    »Das ist allerdings der Fall,« bestätigte der Fürst. »Aber warum wollen Sie das Resultat derselben denn gerade in der Zelle erwarten?«
    »Das muß ich ja!«
    »Nein. Wenn Sie wollen, so können Sie zu den Ihrigen zurückkehren, Fräulein Werner.«
    Da richtete sich ihre Gestalt empor, und jubelnd erklang es:
    »Zu den Eltern, zu den Geschwistern dürfte ich?«
    »Ja.«
    »Wann?«
    »Sogleich. Ich bin gekommen, Sie abzuholen.«
    »O mein Gott und mein Heiland! Welche Freude, welches Glück und welche Seligkeit! Ist’s wahr, ist’s wahr?«
    »Ja. Der Herr Regierungsrath wird es Ihnen bestätigen.«
    Sie blickte den Genannten fragend an, und dieser sagte:
    »Sie brauchen nur noch einmal in Ihre Zelle zurückgehen, um diese Sträflingssachen mit dem Anzuge zu vertauschen, in welchem Sie eingeliefert worden sind. Diese Herren werden so lange warten, um Sie sodann hinaus in die Freiheit zu begleiten.«
    Da ergriff sie seine Hand, um sie zu küssen; sie that dasselbe auch beim Fürsten und wollte dann auch diejenige Holms ergreifen; dieser aber wehrte ihr lächelnd ab und sagte:»Nicht so, Fräulein Werner. Heben Sie die Liebkosungen für die Ihrigen auf, und beeilen Sie sich lieber, Toilette zu machen, damit Sie diese traurigen Mauern möglichst bald hinter sich bekommen.«
    Sie wurde abgeführt und kam nach einiger Zeit in ihrem eigenen Anzuge zurück. Dieser hatte während ihrer langen Untersuchungshaft und der vierjährigen Strafgefangenschaft allerdings bedeutend gelitten, und doch ließ er erkennen, daß sie ein schönes Mädchen gewesen sei und jedenfalls auch wieder sein werde, wenn die Folgen der Gefangenschaft sich verwischt haben würden.
    Sie nahm weinend von dem Director Abschied. Dieser war ebenso gerührt wie der Fürst und Holm, denen sie nun hinaus vor das Thor folgte. Dort blieb sie stehen, athmete tief, tief auf und sagte: »Frei, frei, frei! Wie schön ist Gottes Erde!«
    Holm glaubte, daß man sich nun sogleich nach dem Bahnhofe wenden werde; aber der Fürst lenkte nach

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