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Der verlorne Sohn

Der verlorne Sohn

Titel: Der verlorne Sohn Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Karl May
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Ernste. Ich traf mit einem Herrn zusammen, der heute mit Ihrer Emilie gesprochen hat.«
    »Wer ist es?«
    »Ein sehr gescheidter Arzt, der auch heute noch zu Ihnen kommen wird, um zu untersuchen, ob Ihre Frau noch Heilung zu finden vermag.«
    »Mein Gott! Bei diesen Reden werde ich nur wüster im Kopfe. Wie kommen Sie zu diesem Arzte? Wie kommt er auf meine Frau? Und wie kommt er mit Emilie zusammen?«
    »Er hat sie in Rollenburg getroffen und da von ihr gehört, daß sie mit Laura nach Hause fahren werde.«
    »Das begreife, wer da kann!«

»Dann sind die beiden Schwestern mit ihm eingestiegen.«
    »Eingestiegen? Wo?«
    »In den Zug natürlich!«
    »Beide Schwestern, sagen Sie?«
    »Ja.«
    »Da wäre ja auch Laura dabei!«
    »Freilich, ja!«
    »Und Sie haben hier mit ihnen gesprochen? Sie sind also hier?«
    »Natürlich sind sie mit da!«
    Der Theaterdiener war ganz perplex. Er bat:
    »Herr Holm, legen Sie mich doch nicht auf das glühende Rost! Was Sie da sagen, ist ja vollständig unmöglich!«
    »Unmöglich? Ueberzeugen Sie sich doch selbst!«
    Er öffnete die Thür, trat hinaus, schob die beiden Mädchen herein und machte die Thür hinter ihnen zu.
    »Laura!« schrie drinnen Werner laut auf.
    »Laura, Laura!« erscholl es von allen ihren Verwandten.
    »Jetzt ist Freude und Seligkeit!« flüsterte Holm für sich hin. »Nun kann Unsereiner gehen.«
    Er stieg die vier Treppen hinab. Unten stand der Hausverwalter Solbrig. Er stellte sich dem jungen Manne in den Weg und fragte ihn: »He, sagen Sie einmal, kamen Sie nicht eben mit zwei Frauenzimmern über den Hof?«
    »Ja.«
    »Wer waren die Beiden?«
    »Warum fragen Sie?«
    »Ich bin der Stellvertreter des Wirthes. War nicht die Emilie Werner dabei?«
    »Ja.«
    »Ich denke, die hat sich vermiethet! Und wer war die Andere?«
    »Ihre Schwester.«
    »Die Zuchthäuslerin?«
    »Ja.«
    »Ist die begnadigt?«
    »Nein, sie ist unschuldig und also entlassen worden. Und nun geben Sie den Weg frei. Wenn Sie noch Weiteres wissen wollen, so gehen Sie hinauf zu Werners.«
    Er ging. Draußen auf der Straße blieb er einen Augenblick lang überlegend stehen.
    »Dieser Circusdirector ist der Bruder des Intendanten. Ich muß unbedingt wissen, ob er bei ihm gewesen ist,« sagte er sich. »Aber wie dies erfahren? Am Besten ist es, ich wende mich an diesen liebenswürdigen Jean.«
    Er wendete sich nach der Wohnung des Intendanten und fand den Diener im Vorzimmer. Jean begrüßte ihn in vertraulich vornehmer Weise und sagte, stolz lächelnd:»Ich weiß, weshalb Sie kommen, Herr Holm!«
    »Da müßten Sie allwissend sein!«
    »Gegenwärtig bin ich es!«
    »Nun also, weshalb komme ich?«
    »Sie sind Reporter. Sie wollen mich interviwen!«
    »Dieser Gedanke ist sehr wohlfeil.«
    »Aber jedenfalls richtig.«
    »Worüber meinen Sie denn, daß ich Sie ausfragen werde?«
    »Ueber die Leda.«
    »Hm! Möglich.«
    »Aber ich kann Ihnen keine Auskunft geben.«
    »Warum nicht?«
    »Niemand weiß, wo sie ist. Dieses Frauenzimmer hat den Teufel im Leibe. Sie macht sich den romantischen Scherz, zu verschwinden, um sich suchen zu lassen. Der Herr Intendant schickte mich bereits zweimal nach dem Hotel Kronprinz, aber vergebens.«
    »Gab man denn keine Auskunft?«
    »Man sagte, Mademoiselle Leda sei auf sehr kurze Zeit verreist. So ein Gedanke von ihr!«
    »Ja, ja, es ist sehr abenteuerlich von ihr. Ist der Herr Intendant zu Hause?«
    »Nein. Er ist zum Musikdirector, um sich mit diesem über das Verschwinden der Tänzerin zu besprechen.«
    »Aber sein Bruder ist doch anwesend?«
    »Welcher Bruder?«
    »Der Herr Circusdirector Baumgarten.«
    »Kennen Sie ihn denn?«
    »Sehr gut. Ich habe mit ihm zu sprechen.«
    »O, den finden Sie nicht mehr. Er ist bereits vorgestern fort. Er war gar nicht lange Zeit hier.«
    »Sapperment! Wie dumm von ihm!«
    »Dumm? Wieso denn?«
    »Er sagte mir, daß ich ihn wegen der Emilie Werner aufsuchen solle. Er wollte sie engagiren, und ich sollte ihm dabei behilflich sein, weil ihr Vater auf mein Wort viel giebt.«
    »Da kommen Sie zu spät, bester Herr.«
    »Wieso?«
    »Er hat sie.«
    »Wirklich? Wissen Sie das genau?«
    »Ja. Die Sache war überhaupt spaßhaft. Er hat sie sich nämlich vorher auf der Bühne genau angesehen.«
    »Hm! War sie denn auf der Bühne?«
    »Ja, zur Probe. Da haben die beiden Brüder hinter dem Vorhange gesteckt. Höchst interessant, denn sie hat gar nichts als nur Tricots getragen.«
    »Waren denn Sie dabei?«
    »Nein.«
    »Wie können Sie da die

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