Der Weg Nach Tanelorn
der Weinhäuser im nördlichen Stadtviertel. Dorthin also ritt Falkenmond. Er überließ es dem Pferd, den Schritt zu wählen, denn tief innerlich schreckte er davor zurück, sich dieselben Lügen erneut anzuhören, diese Lügen, die ein schlimmes Bild auf alle warfen, selbst auf Graf Brass, den Czernik zu verehren behauptete.
Die alten Weinhäuser im Nordviertel waren hauptsächlich aus Holz und nur ihr Fundament aus dem weißen Stein der Kamarg. Das Holz hatte man in den verschiedensten Farben bemalt. Auf den Fassaden mancher der Weinhäuser waren sogar ganze Szenen abgebildet. Einige davon stellten Falkenmonds eigene Ruhmestaten dar, andere frühere Kämpfe Graf Brass’, ehe er in die Kamarg kam, denn der alte Recke hatte in fast jeder Schlacht seiner Tage mitgefochten (und hatte manchmal sogar den Anlass dazu gegeben). Viele der Weinhäuser hatten ihren Namen entsprechend gewählt und auch die vier Helden nicht vergessen, die dem Runenstab gedient hatten. Ein Weinhaus nannte sich Magyarischer Feldzug, ein anderes Schlacht von Cannes. Auf der anderen Straßenseite standen das Fort von Balancia, Die neun Aufrechten und Das blutige Banner - alle erinnerten an eine von vielen Heldentaten, die Graf Brass vollbracht hatte. Czernik müsste sich hier irgendwo aufhalten.
Falkenmond betrat das nächste Weinhaus, Das Rote Amulett (nach dem mystischen Juwel, das er dereinst um den Hals getragen hatte). Alte Soldaten drängten sich hier dicht an dicht. Viele davon kannte er. Sie waren alle ziemlich betrunken und hatten Becher mit Wein oder Krüge voll Bier vor sich stehen. Unter ihnen gab es kaum einen, der nicht von Kriegsnarben gezeichnet war. Ihr Gelächter war rau, aber nicht lärmend, das war dafür ihr Gesang umso mehr. Falkenmond fühlte sich in solcher Gesellschaft wohl und grüßte alle freundlich. Als er einen einarmigen Sklaven entdeckte – ebenfalls einer von Graf Brass’ Getreuen –, rief er erfreut:
»Josef Vedla! Guten Abend, Hauptmann. Wie geht es Euch?«
Vedla blinzelte und versuchte zu lächeln. »Auch Euch einen guten Abend, mein Lord. Ihr habt Euch schon seit Monaten nicht mehr in unserem Weinhaus sehen lassen.« Er senkte die Lider und widmete sich dem Inhalt seines Bechers.
»Leistet Ihr mir bei einer Kanne Gesellschaft?« lud Falkenmond ihn ein. »Ich habe gehört, der Wein soll in diesem Jahr besonders gut geraten sein. Vielleicht möchten sich auch noch einige andere unserer alten Freunde …«
»Nein, danke, mein Lord.« Vedla erhob sich. »Ich habe bereits etwas zu tief in den Becher geschaut.« Ein wenig schwerfällig zog er den Umhang mit seinem einen Arm enger um sich.
Nun fragte Falkenmond geradeheraus: »Josef Vedla, glaubt Ihr Czerniks Geschichte von seiner Begegnung mit Graf Brass in der Marsch?«
»Ich muss gehen.« Vedla schritt auf die niedrige Tür zu.
»Hauptmann Vedla! Bleibt stehen!«
Unwillig hielt Vedla an und drehte sich zögernd zu Falkenmond um.
»Glaubt Ihr, dass Graf Brass ihm erzählte, ich habe unsere gute Sache verraten? Dass ich ihn in eine Falle lockte?«
Vedla runzelte die Stirn. »Czernik allein würde ich nicht glauben. Er wird alt und erinnert sich nur noch an seine Jugend, als er mit Graf Brass focht. Vielleicht würde ich keinem alten Veteranen glauben, egal, was er mir erzählt – denn wir trauern immer noch um Graf Brass und wünschen uns, er lebte noch.«
»Genau wie ich.«
Vedla seufzte. »Ich glaube Euch, mein Lord. Aber ich fürchte, das tun jetzt nur noch wenige. Zumindest sind sich die meisten nicht sicher …«
»Wer hat denn diesen Geist sonst noch gesehen?«
»Verschiedene Kaufleute, die des Nachts von anderen Städten zurückkehrten und die Marschen überqueren mussten. Ein junger Stierkämpfer. Selbst ein Hüter, der auf einem der Osttürme Wache hielt, glaubt, in der Ferne eine Gestalt gesehen zu haben – eine Gestalt, die ohne alle Zweifel Graf Brass war.«
»Wisst Ihr, wo Czernik sich jetzt aufhält?«
»Vermutlich in der Dnjepr-Überquerung am Ende dieser Straße. Dort gibt er in letzter Zeit seine ganze Pension aus.«
Gemeinsam traten sie auf das Kopfsteinpflaster hinaus.
Falkenmond fragte ihn ernst: »Hauptmann Vedla, könnt Ihr glauben, dass ich Graf Brass verraten hätte?«
Vedla rieb seine narbige Nase. »Nein, und das können auch die wenigsten. Es fällt schwer, sich Euch als Verräter vorzustellen, Herzog von Köln. Aber die Geschichten sind alle gleich. Jeder, der diesem – diesem Geist begegnet ist, erzählt
Weitere Kostenlose Bücher