Die Enden der Parabel
wählte Zwölfkinder. Der Sommer neigte sich seinem Ende zu, mit ihm der Frieden. Die Kinder wußten, was bevorstand. Flüchtling spielend, überfüllten sie die Züge, ruhiger, ernster gestimmt, als Pökler es erwartet hatte. Er mußte ein Bedürfnis niederkämpfen, gegen die Stille anzuquasseln, sobald Ilses Augen vom Fenster auf ihn schwenkten. Aus allen diesen Augen konnte er das gleiche lesen: daß er fremd war und immer fremder wurde und keinen Weg der Umkehr wußte...
In einem korporativen Staat muß ein Raum geschaffen werden für die Unschuld und ihre vielen Zwecke. Bei der Entwicklung einer offiziellen Version von Unschuld hat sich die Kultur der Kindheit als unschätzbares Hilfsmittel erwiesen. Spiele, Märchen, Legenden aus der Geschichte, alle Utensilien der Täuschung können nutzbar gemacht und sogar zu physischem Leben erweckt werden, an einem Ort wie
Zwölfkinder. Über die Jahre hatte sich ein Ferienzentrum für Kinder daraus entwickelt, fast etwas wie ein Kurort. Als Erwachsener durfte man den Burgfrieden der Stadt nur in Begleitung eines Kindes überschreiten. Es gab einen Kinderbürgermeister und einen Kinderrat der Zwölf. Kinder sammelten die Papiere, Obstschalen und Flaschen auf, die man wegwarf, Kinder leiteten die Führungen durch den Tierpark und den Nibelungenhort, Kinder mahnten zur Ruhe, wenn man während der eindrucksvollen szenischen Darstellung von Bismarcks Erhebung in den Rang des Fürsten und Reichskanzlers in den Frühjahrsäquinoktien des Jahres 1871 zu tuscheln wagte ... Kinderpolizisten verwarnten jeden, der alleine, ohne Kindereskorte, angetroffen wurde. Wer immer die wirklichen Geschäfte der Stadt führte - die Kinder konnten es nicht gewesen sein -, hielt sich gut versteckt. Ein später Sommer, ein spätes, zurückgewandtes Blühen ... Überall flatterten Vögel, das Meer erwärmte sich, die Sonne schien bis spät in die Abende hinein. Zufällige Kinder packten einen am Ärmel, und schon wurde man davongezerrt, minutenlang, bis sie bemerkten, daß man gar nicht ihr Erwachsener war, worauf sie einen einfach stehenließen und über die Schulter zurücklächelnd weiterzogen. Der gläserne Berg glitzerte rosa und weiß in der heißen Sonne, und jeden Tag um die Mittagsstunde machte das Königspaar der Elfen mit seinem prächtig gekleideten, Plätzchen, Eiswaffeln und Bonbons verteilenden Hofstaat aus Zwergen und Feen seinen Rundgang durch die Stadt. An jeder Kreuzung, auf jedem Platz spielte eine Kapelle -Märsche, Volkstänze, Dixiejazz, Hugo Wolf. Kinder wirbelten wie Konfetti. Vor den Trinkbrunnen, wo Sodawasser tief im Rachen von fangzahnbewehrten Löwen-, Lindwurm- und Tigermäulern sprudelte, warteten Kinder in langen Schlangen auf ihren Augenblick der Gefahr, auf das Hineinbeugen in den Schatten, den Geruch nach feuchtem Zement und stehendem Wasser, den Schlund des Ungeheuers, um zu trinken. Am Himmel drehte sich das große Riesenrad. Von Peenemünde aus waren es 280 Kilometer bis hierher, was zufällig genau der projektierten Reichweite des A 4 entsprach.
Unter allem, was hier zur Auswahl stand, Rad, Sagen, Dschungeltiere, Clowns, fand Ilse ihren Weg zum Panorama.der Antarktis. Zwei oder drei Jungen, kaum älter als sie, strolchten, vermummt in Seehundsfelle, durch die imitierte Eiswüste, errichteten steinerne Wegmarken und pflanzten Flaggen in die Augustschwüle. Allein ihnen zuzusehen trieb Pökler den Schweiß auf die Stirn. Im Schatten eines Sastrugis aus verschmutztem Pappmache lagen ein paar "Schlittenhunde" auf der schon brüchig werdenden Schneedecke aus Gips und hechelten. Ein verborgener Projektor warf Bilder vom Südlicht auf eine weiße Leinwand. Ein halbes Dutzend ausgestopfter Pinguine punktierte die Landschaft.
"Aha, am Südpol willst du leben. Hast du denn den -" Idiot, das war ein Ausrutscher -"den Mond so schnell vergessen?" Er wüßte doch, daß Kreuzverhöre ihm nichts brachten. Er konnte es sich gar nicht leisten, zu erfahren, wer sie war. In der künstlichen Antarktis, nicht ahnend, was sie daran so anzog, beklommen und schweißnaß, erwartete er ihre Antwort.
Sie, oder wer immer sie geschickt hatte, ließ ihn noch einmal davonkommen. "Och", achselzuckend, "wer will schon auf dem Mond wohnen." Nie wieder sprachen sie davon.
Zurück im Hotel, holten sie ihren Schlüssel bei einem achtjährigen Portier und fuhren in einem ächzenden Lift, der von einem uniformierten Kind bedient wurde, nach oben in ihr Zimmer, das noch warm war von der
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