Die Enden der Parabel
der "Fremdarbeiter" in Trassenheide sah, das dem Erdboden gleichgemacht war und aus dessen Trümmern immer noch Leichen ausgegraben wurden, stieg ein schrecklicher Verdacht in ihm auf, den er nicht unter Kontrolle bekam: daß ihn Weißmann aufsparte, für irgendeine einzigartige Bestimmung. Der Mann hatte gewußt, daß die Engländer in dieser Nacht bombardieren würden, hatte es schon '39 gewußt und deshalb die Tradition des Augusturlaubs für ihn erfunden, Jahr für Jahr, nur um Pökler vor dieser einen Katastrophennacht zu bewahren. Ein wenig verrückt ... paranoid, ja, zugegeben ... aber der Gedanke schnurrte weiter in seinem Kopf, und er fühlte, wie er zu Stein erstarrte.
Rauch stieg aus dem Boden auf, verkohlte Bäume stürzten vor seinen Augen um, sobald der leiseste Windhauch von See sie berührte. Jeder Schritt wirbelte pudrigen Staub hoch, der die Kleider weiß, die Gesichter mit Masken überzog. Je weiter er auf die Halbinsel vordrang, desto geringer wurden die Schäden. Ein merkwürdiges Gefälle des Todes und der Zerstörung, von Süden nach Norden, das die Ärmsten und Hilflosesten am härtesten traf - genau wie das Gefälle, das ein Jahr später in London von Osten nach Westen verlaufen sollte, als die Raketen zu fallen begannen. Die meisten Opfer hatte es unter den "Fremdarbeitern" gegeben, wie der Euphemismus für die Zivilgefangenen lautete, die man aus den besetzten Ländern verschleppt hatte. Der Windkanal und das Meßhaus waren unversehrt geblieben, im Versuchsserienwerk gab es nur leichtere Schäden. Pöklers Kollegen hatten sich vor der Wissenschaftlersiedlung versammelt, die schwer getroffen war - Gespenster im dichten, von der Hitze noch nicht aufgelösten Morgennebel, die sich in Eimern voll Bier wuschen, weil die Wasserleitung noch unterbrochen war. Sie starrten Pökler an, und einigen gelang es nicht, den Ausdruck des Vorwurfs aus ihren Gesichtern zu verbannen.
"Ich wünschte, ich hätte das auch versäumt." "Dr. Thiel ist tot."
"Wie war's im Märchenland, Pökler?"
"Es tut mir leid", sagte er. Es war nicht sein Verschulden. Die übrigen schwiegen:
einige beobachteten ihn scharf, andere standen noch unter Schockeinwirkung.
Kurt Mondaugen erschien auf der Bildfläche. "Wir sind alle erschöpft. Kannst du mit
mir rüber zur Vorserie kommen? Wir müssen eine Menge aussortieren, wir brauchen
Hilfe." Sie marschierten los, jeder in seiner eigenen Staubwolke. "Es war furchtbar",
sagte Mondaugen. "Wir sind alle ziemlich mit den Nerven runter."
"Sie haben sich angehört, als ob ich es getan hätte."
"Du fühlst dich schuldig, weil du nicht hier warst?"
"Ich frage mich nur, warum ich nicht hier war, das ist alles."
"Weil du in Zwölfkinder warst", erwiderte der Erleuchtete. "Erfinde bloß keine Komplikationen."
Er gab sich redlich Mühe. Schließlich war das ja auch Weißmanns Job, oder nicht, Weißmann war doch der Sadist, er hatte die Aufgabe, neue Variationen ins Spiel zu bringen und auf das Maximum der Grausamkeit hinzusteuern, an dem Pökler bis auf Nervenstränge und Sehnen bloßgelegt, jede letzte Windung seines Gehirns vom Licht der schwarzen Kerzen ausgeleuchtet,
kein Versteck mehr offen und er zur Gänze Eigentum geworden wäre seines Herrn ... der Augenblick, der ihn endlich selbst definierte ... Genau das fühlte Pökler jetzt auf sich warten, einen Raum, den er noch nie gesehen hatte, eine Zeremonie, auf die er sich nicht vorbereiten konnte.
Es kam zu blinden Alarmen. Einmal, im Winter, war sich Pökler schon fast sicher, während des Versuchsschießens in Blizna. Sie waren nach Osten ins Generalgouvernement gezogen, um Probeschüsse über Land zu feuern. Alle Flüge, die in Peenemünde gestartet wurden, führten über See, so daß es unmöglich war, das A 4 in der Wiedereintrittsphase zu beobachten. Blizna war fast ausschließlich ein SS-Projekt: Teil von Generalmajor Kammlers Kampf um die Macht. Die Rakete krankte zu diesem Zeitpunkt an Luftzerlegern auf dem absteigenden Ast der Flugbahn - ohne ersichtlichen Grund explodierte sie in der Luft, kurz bevor sie ihr Ziel erreichte. Jeder hatte seine eigene Theorie. Es konnte an einem Überdruck im Sauerstofftank liegen. Oder an einer Instabilität, die durch die Verlagerung des Schwerpunkts nach dem Verbrennen der zehn Tonnen Treibstoffe hervorgerufen wurde. Oder die Isolierung des Spiritustanks wies eine schwache Stelle auf und ermöglichte es dem Restinhalt des Tanks auf irgendeine Weise, beim Wiedereintritt Feuer zu
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