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Die Enden der Parabel

Titel: Die Enden der Parabel Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Thomas Pynchon
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Tageshitze. Sie schloß die Tür, nahm ihren Hut ab, ließ ihn auf ihr Bett segeln. Pökler warf sich auf sein eigenes Bett. Sie kam zu ihm, um ihm die Schuhe auszuziehen.
    "Papi", ernsthaft die Schnürriemen lösend, "darf ich heute Nacht neben dir schlafen?" Eine Hand hatte sich flüchtig auf dem Ansatz seines nackten Knöchels niedergelassen. Eine halbe Sekunde lang trafen sich ihre Blicke. Eine Reihe von Unscharfen verschob sich da für Pökler und fiel zu einem Sinn zusammen. Seine erste Empfindung, zu seiner Schande, war Stolz. Er hatte nicht geahnt, daß er für das Programm so wichtig war. Selbst in diesem Augenblick des Anfangs sah er es von ihrem Standpunkt aus - jede Neigung wird in den Dossiers vermerkt, ob Spieler, Fußfetischist, Fußballfan, alles ist wichtig, alles kann benutzt werden. Gerade jetzt kommt es darauf an, daß wir unsere Leute bei Laune halten oder wenigstens die Brennpunkte ihrer Depressionen neutralisieren. Vielleicht werden Sie gar nicht begreifen, worum es bei diesen Projekten überhaupt geht, jedenfalls nicht auf der Ebene von Zahlen oder Fakten, aber schließlich sind Sie ein Verwaltungsmann, ein Führer, dessen Aufgabe es ist, Resultate zu erzielen ... Pökler hat jetzt also eine Tochter erwähnt. Ja, ja, wir wissen, es ist ekelhaft, man weiß doch nie, was sie neben ihren Gleichungen sonst noch in den Köpfen haben, aber vorerst müssen wir unser Urteil darüber aufschieben, nach dem Krieg wird schließlich Zeit genug sein, auf die Pöklers dieser Welt und ihre dreckigen kleinen Geheimnisse zurückzukommen...
    Er schlug sie mit der flachen Hand auf den Kopf, es war ein harter und furchtbarer Schlag. Das befriedigte seinen Zorn. Dann zerrte er sie, bevor sie noch weinen oder sprechen konnte, neben sich auf das Bett, während ihre benommenen kleinen Hände schon an den Knöpfen seiner Hose nestelten, ihr weißes Kleid schon über ihre Taille hochgeschoben war. Sie trug nichts darunter, schon den ganzen Tag lang nichts... wie ich mich nach dir gesehnt habe, flüsterte sie, da der väterliche Pflug seinen Weg fand in die Furche der Tochter... und nach Stunden des erstaunlichsten Inzests kleideten sie sich schweigend an und schlichen hinaus in die Vorboten einer Dämmerung von der Farbe zartester Haut, alles, was sie jemals brauchen würden, hineingepackt in ihre Blumentasche, vorbei an schlafenden, zum Ende des Sommers verurteilten Kindern, an Kinderlotsen und Kinderschaffnern, bis sie endlich hinunter zum Wasser und zu den Fischerbooten kamen und zu einem väterlichen alten Seebären mit einer schnurumflochtenen Kapitänsmütze, der sie an Bord willkommen hieß und unter Deck versteckte, wo sie sich, als das Boot auslief, in eine Koje kuschelte und ihm zum Stampfen der Maschine stundenlang einen blies, bis der Kapitän rief: "Kommt rauf und seht eure neue Heimat!" Grau und grün, durch den Nebel, sahen sie Dänemark. "Ja, hier leben freie Menschen. Viel Glück euch beiden!" Und alle drei standen sie auf dem Deck und umarmten einander... Nein. Was Pökler tat, war die Überzeugung zu wählen, daß sie Trost suchte für diese Nacht und nicht allein sein wollte. Trotz ihres Spiels, ihres fühlbaren Unheils, obwohl er keinen Grund hatte, "Ilse" mehr zu trauen, als er ihnen trauen konnte, wählte er, in einem Akt nicht des Glaubens und nicht des Mutes, sondern des Bewahrenwollens, diese Überzeugung. Selbst im Frieden, mit unbeschränkten Mitteln, hätte er ihre Identität nicht beweisen können, nicht über die Messerschärfe der Toleranz Null hinaus, die sein präzisionsgewohntes Auge brauchte. Die Jahre, die Ilse zwischen Peenemünde und Berlin verbracht haben würde, waren für ganz Deutschland ein so hoffnungsloser Filz, daß keine klare Kette von Zusammenhängen zu isolieren gewesen wäre, nicht einmal für Pöklers Verdacht, daß man ihm irgendwo im überlebensgroßen Papiergehirn des Staates eine spezielle Perversion zugeschrieben und pflichtgemäß zu den Akten genommen hatte. Für jede Dienststelle der Verwaltung schuf
    die Nazipartei ihre eigene Entsprechung. Ausschüsse verzweigten sich, verschmolzen, entstanden spontan und lösten sich auf. Keiner gewährte einem Menschen Einsicht in sein Dossier -
    Tatsächlich war ihm nicht einmal bewußt, daß er eine Wahl getroffen hatte. Doch es wurden ihm, in diesen vibrierenden Augenblicken in dem dunklen, nach dem
    Sommertag riechenden Zimmer, in dem keiner das Licht einschaltete, mit ihrem runden Strohhut auf der Bettdecke wie einem

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