Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Die Pfeiler des Glaubens

Die Pfeiler des Glaubens

Titel: Die Pfeiler des Glaubens Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ildefonso Falcones
Vom Netzwerk:
Erinnerungen, Tränen und Freuden darüber nachgedacht. Aber jetzt, wo es darauf ankam, brachte sie kein Wort heraus. Der alte Jude zeigte Geduld, er blickte vom Papier auf und betrachtete diese Frau: Sie war schön und stolz, sie war hart und kalt, sie legte eine Strenge an den Tag, die nur jetzt, in diesem Moment des Zweifels, von ihr abzufallen schien. Fatima ging im Raum auf und ab, schritt durch die Bogengänge in den Patio und kehrte sprachlos wieder. Sie führte ihre mit Ringen geschmückten Finger an die Lippen, um die Hände dann vor der Brust zu falten oder aber weit zu öffnen, als könnte sie damit ihre unterbrochene Rede wieder in Fluss bringen.
    »Bitte«, ergriff schließlich der Kaufmann, der hier nur als Schreiber tätig war, das Wort, »kann ich Euch behilflich sein? Was wollt Ihr den Mann wissen lassen?«
    Fatima betrachtete den Juden aus ihren eisig schimmernden Augen. Für das, was sie sagen wollte, reichte ein Brief nicht aus, hätte sie gern erwidert. Dabei wollte sie Hernando nur eine einfache Nachricht zukommen lassen: Ibrahim war tot, und sie wünschte sich, dass er zu ihr nach Tetuan käme. Ihrem Glück stand nichts mehr im Wege, und sie wartete auf ihn. Aber, hatte er inzwischen womöglich eine andere Frau? Vielleicht war er glücklich. Immerhin waren sieben Jahre vergangen …
    Sieben Jahre absoluter Unterwerfung! Fatima stellte sich vor den alten Juden.
    »Es war ein Schrei«, flüsterte sie. Der Mann wollte gerade das Schreibrohr ins Tintenfass tauchen, aber Fatima hielt ihn zurück. »Nein. Es war ein Schrei, der mich geweckt und ins Leben zurückgerufen hat.«
    Der alte Mann legte das Schreibrohr auf das Papier und lehnte sich im Stuhl zurück. Er ermutigte sie, mit der Geschichte fortzufahren, die sie offensichtlich erzählen wollte. Er wusste von Ibrahims Tod. Ganz Tetuan hatte von der Ermordung des Korsaren erfahren.
    »Ich habe nur die Worte › widerlicher Hund ‹ gehört!«, sprach Fatima weiter. »Shamir beschimpfte Nasi. Durch die Beleidigung begriff ich, dass dieser sechzehnjährige Junge zum Mann geworden war und dass ihn die Kaperfahrten, die Überfälle auf christliche Schiffe und die Raubzüge an der andalusischen Küste abgehärtet hatten. Es geschah genau hier, im Patio«, erläuterte sie. In der Mitte des Innenhofs war ein wunderbarer Brunnen in den Fußboden eingelassen, der Wasserspeier befand sich im Zentrum eines kreisförmigen Mosaiks aus winzigen bunten Steinen, die ein geometrisches Muster ergaben. »Ich sah, wie Nasi, der zehn Jahre älter war als er, bei der Beleidigung seinen Krummsäbel zog. Der Korsar, der in Tetuan wegen seiner Grausamkeit gefürchtet war, drohte mit seiner Waffe. Ich habe am ganzen Leib gezittert. Wie immer, seit ich diese fürchterliche Stadt betreten habe, fühlte ich mich machtlos. Mein kleiner Abdul mit seinen zornigen blauen Augen stand neben Shamir. Der Widerschein des Sonnenlichts auf der Klinge, die Nasi gegen die beiden Jungen schwang, blendete mich, und ich dachte, ich würde ohnmächtig.« Fatima schwieg. Sie war in ihre Erinnerungen an dieses Erlebnis versunken. Der Jude sagte kein Wort. Plötzlich blickte die Hausherrin zu ihm. »Weißt du was, Ephraim? Gott ist groß. Shamir und Abdul wichen ein paar Schritte zurück, aber nicht um zu fliehen, wie ich gehofft hatte, sondern um ihre Waffen zu zücken. Als wären sie eine einzige Person, Seite an Seite, ohne einen Hauch von Angst in den Augen, griffen die beiden nach den Waffen. Shamir befahl Abdul, sich zurückzuziehen und ihn allein zu lassen, und mein Junge hielt ihm mit einer Bewegung, die sie anscheinend schon Tausende Male vollzogen hatten, den Rücken frei. › Du räudiger Hund! ‹ , hat Shamir Nasi noch einmal beschimpft und den Krummsäbel gegen ihn gerichtet. › Du Schwein ‹ , hat er geflucht. Blind vor Wut griff Nasi an und stürzte sich auf den Jungen, aber Shamir glitt geschmeidig wie eine Katze zur Seite. Er schlug gegen Nasis Waffe und wehrte den Angriff ab. Ich erinnere mich … ich erinnere mich, dass beim Aufeinandertreffen der Klingen die Säulen im Patio bebten. Auf dieses Zeichen hin löste sich mein kleiner Abdul vom Rücken seines Gefährten und hieb gegen Nasis Krummsäbel, der hilflos zusehen musste, wie ihm die Waffe aus der Hand fiel. Keinen Moment später standen die Jungen wieder in Position und lächelten. Wirklich, sie lächelten! Als läge ihnen die Welt zu Füßen. › Du bist zwar ein Schwein, aber wenn du nicht wie ein Schwein sterben

Weitere Kostenlose Bücher