Die Tore der Welt
düster. »Ein Zeichen Gottes, dass er mich nicht als
Prior will.«
Genau darauf hatte
Godwyn gehofft.
Simeon sagte:
»Unsinn.« Er nahm einen Becher vom Tisch neben dem Bett. Godwyn vermutete, dass
er warmen Wein mit Honig enthielt, wie Mutter Cecilia ihn für die meisten
Gebrechen verschrieb. Simeon drückte Carlus den Becher in die Hand. »Trink.«
Carlus trank, ließ
sich aber nicht beirren. »Es wäre eine Sünde, ein solches Vorzeichen nicht zu
beachten.«
»Aber Vorzeichen
sind schwer zu deuten«, wandte Simeon ein.
»Das mag ja sein,
aber selbst wenn du recht hast … werden die Brüder für einen Prior stimmen,
der nicht einmal die Reliquien des Heiligen zu tragen vermag, ohne dabei zu
stürzen? Niemals.«
Godwyn antwortete:
»Einige werden das wohl so sehen. Aber sie fühlen eher mit dir mit, als dass
sie sich von dir abwenden würden.«
Simeon schaute ihn
verwirrt an und fragte sich, was sein Mitbruder jetzt wieder im Schilde
führte.
Und Simeon tat gut
daran, misstrauisch zu sein: Godwyn spielte des Teufels Advokaten, weil er noch
mehr Selbstzweifel in Carlus säen wollte. Womöglich würde der seine Kandidatur
ja sogar zurückziehen.
Wie erhofft sprach
Carlus in Godwyns Sinne: »Ein Mann sollte zum Prior gemacht werden, weil seine
Mitbrüder ihn respektieren und glauben, dass er sie weise führen kann … nicht
aus Mitleid.«
Sein Tonfall war
der eines Menschen, der sein Leben lang mit einer Behinderung gekämpft hatte.
»Ja … Ja, das ist
wohl wahr«, sagte Godwyn und tat so, als würde er es nur widerwillig einräumen.
Dann fügte er wagemutig hinzu: »Aber vielleicht hat Simeon recht, und du
solltest die endgültige Entscheidung verschieben, bis du wieder du selbst
bist.«
»Ich bin, wie ich
immer sein werde«, erwiderte Carlus, der vor dem jungen Godwyn keine Schwäche
zeigen wollte. »Nichts wird sich ändern. Morgen werde ich noch genauso
empfinden wie heute.
Ich werde mich
nicht der Wahl zum Prior stellen.«
Das waren die
Worte, auf die Godwyn gewartet hatte. Er stand unvermittelt auf und neigte den
Kopf wie zur Anerkennung; dabei wollte er nur sein Gesicht verbergen, damit
niemand das triumphierende Funkeln in seinen Augen sehen konnte. »Du bist so
weise wie immer, Bruder Carlus«, sagte er. »Mit Trauer im Herzen werde ich
deine Entscheidung den anderen Brüdern mitteilen.«
Simeon öffnete den
Mund, um zu protestieren, doch Mutter Cecilia hielt ihn davon ab, als sie von
der Treppe in den Raum kam. Sie sah aufgeregt aus. »Graf Roland verlangt, den
Subprior zu sehen«, sagte sie. »Er droht, aus dem Krankenbett zu steigen. Aber
er darf sich nicht bewegen, denn sein Schädel ist noch nicht vollständig
verheilt. Aber auch Bruder Carlus muss liegen bleiben.«
Godwyn schaute zu
Simeon. »Wir werden gehen«, sagte er.
Gemeinsam stiegen
sie die Treppe hinauf.
Godwyn fühlte sich
gut. Carlus wusste noch nicht einmal, dass er zu Fall gebracht worden war. Er
hatte sich aus freien Stücken aus dem Wettstreit zurückgezogen, sodass nur noch
Thomas übrig war.
Der Plan war
erstaunlich erfolgreich gewesen … bis jetzt.
Graf Roland lag auf
dem Rücken, und sein Kopf war dick verbunden; dennoch strahlte er irgendwie
Macht aus. Der Barbier musste bei ihm gewesen sein, denn sein Gesicht war glatt
rasiert, und sein schwarzes Haar — das, was nicht vom Verband verdeckt war —
war ordentlich geschnitten. Er trug einen kurzen purpurnen Kittel und eine neue
Hose, deren Beine verschieden gefärbt waren, wie es dieser Tage Mode war: eins
rot, das andere gelb. Obwohl er im Bett lag, trug er einen Gürtel mit Dolch und
kurze Lederstiefel. Sein ältester Sohn, William, und dessen Frau, Lady
Philippa, standen neben dem Bett. Sein junger Sekretär, Vater Jerome, trug ein
Priestergewand und saß mit Feder und Siegelwachs an einem Schreibpult.
Die Botschaft war
klar: Der Graf hatte wieder das Kommando übernommen.
»Ist der Subprior
da?«, fragte er mit klarer, kräftiger Stimme.
Godwyn war ein
schnellerer Denker als Simeon, und so antwortete er als Erster. »Subprior
Carlus ist gestürzt und liegt nun in eben — diesem Hospital, Mylord. Ich bin
der Mesner, Godwyn, und der Bruder an meiner Seite ist der Schatzmeister,
Simeon. Wir danken Gott für Eure wundersame Genesung, denn er hat die Hände der
Ärzte und Mönche gelenkt, die sich um Euch gekümmert haben.«
»Es war der
Barbier, der meinen gebrochenen Schädel geflickt hat«,
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