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Die Tore der Welt

Titel: Die Tore der Welt Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ken Follett
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bewegte. Es erschien ihnen jedes Mal wie ein kleines Wunder.
    Die Prozession
begann stets am Ostende der Kathedrale, wo die Gebeine des Heiligen unter dem
Hochaltar aufbewahrt wurden.
    Carlus würde den
Schrank öffnen und das Reliquiar herausholen.
    Dann trug er es
durch den Nordteil des Chors, vorbei am Querhaus und dann das nördliche
Seitenschiff des Langhauses entlang bis zum Westende. Vorn dort ging die
Prozession durch das Mittelschiff zurück in die Vierung. Dort musste Carlus
zwei Stufen hinaufsteigen, um das Reliquiar auf den Holzaltar zu stellen, den
Godwyn dort aufgebaut hatte. Die Reliquien würden dann dort bleiben, damit die
Gemeinde sie während des Gottesdienstes mit der gebotenen Ehrfurcht anschauen
konnte.
    Als Godwyn sich in
der Kirche umsah, fiel sein Blick auf die Reparaturarbeiten im Südteil des
Chors, und er ging näher heran, um sich anzuschauen, wie weit die Handwerker
fortgeschritten waren.
    Merthin war nicht
mehr an den Arbeiten beteiligt, nachdem Elfric ihn entlassen hatte, doch seine
erstaunlich einfache Methode wurde noch immer angewandt: Anstatt ein teures
Wölbgerüst zu bauen, um das neue Mauerwerk zu stützen, während der Mörtel aushärtete,
wurde jeder Stein von einem Seil gehalten, das man mit einem Gewicht beschwert
hatte, um die Spannung aufrechtzuerhalten. Diese Technik ließ sich allerdings
nicht auf die Gewölberippen anwenden, die aus schmalen, langen Steinen
bestanden. Hier benötigte man nach wie vor eine Verschalung. Dennoch hatte Merthin
der Priorei ein kleines Vermögen an Zimmermannskosten gespart.
    Godwyn erkannte Merthins Genie, doch der
Junge bereitete ihm nach wie vor Unbehagen, sodass er lieber mit Elfric
arbeitete. Bei Elfric konnte man sich stets darauf verlassen, dass er ein
williges Werkzeug war, während Merthin nur allzu gerne seine eigenen Wege ging.
    Carlus und Simeon
verließen die Kirche. Die Kathedrale war für den Gottesdienst bereit. Godwyn
schickte die Männer fort, die ihm geholfen hatten, mit Ausnahme von Philemon,
der den Boden unter der Vierung wischte.
    Für kurze Zeit war
die riesige Kathedrale bis auf Godwyn und Philemon vollkommen leer.
    Das war Godwyns
Gelegenheit. Der Plan, den er halb ausgearbeitet hatte, nahm nun vollends
Gestalt an. Godwyn zögerte, denn der Plan war mehr als riskant, doch er
beschloss, das Spiel zu wagen.
    Er winkte Philemon
zu sich. »Jetzt«, sagte er. »Rasch. Zieh das Podest ein Stückchen nach vorn.«
     
    Die meiste Zeit war
die Kathedrale für Godwyn nur ein Arbeitsplatz; eine Räumlichkeit, die man
nutzen konnte; ein Gebäude, das instand gesetzt werden musste; eine
Einkommensquelle und gleichzeitig auch eine finanzielle Last. Doch bei einer
Gelegenheit wie dieser erstrahlte das Gotteshaus in seiner ganzen Pracht.
Kerzen flackerten; ihr Licht ließ das Gold der Leuchter funkeln. Die in Roben
gewandeten Mönche und Nonnen glitten zwischen den uralten Pfeilern hindurch,
und der Chorgesang stieg hinauf zur Gewölbedecke. Kein Wunder, dass die
Stadtbewohner das Spektakel nun zu Hunderten in ehrfürchtigem Schweigen
verfolgten.
    Carlus führte die
Prozession an. Während die Mönche und Nonnen sangen, öffnete er das Fach unter
dem Hochaltar, ertastete das Reliquiar und holte es heraus. Dann hielt er es in
die Höhe und trug es durch die Kirche. Mit seinem weißen Bart und den ins Leere
blickenden Augen war er das Sinnbild der heiligen Unschuld.
    Würde er Godwyn in
die Falle gehen? Es war so einfach … jedenfalls sah es so aus. Godwyn folgte
ein paar Schritt hinter Carlus, biss sich auf die Lippen und versuchte, die
Ruhe zu bewahren.
    Die Gemeinde war
von Ehrfurcht ergriffen. Godwyn staunte immer wieder, wie leicht die Leute sich
beeinflussen ließen. Die Menschen konnten die Knochen gar nicht sehen, und
falls doch, hätten sie die Überreste des Heiligen nicht von denen eines
Straßenräubers unterscheiden können. Doch des prunkvollen Reliquiars, der unheimlichen
Schönheit des Gesangs, der einheitlichen Gewandung von Mönchen und Nonnen und
der himmelstrebenden Architektur wegen, die sie alle wie Ameisen wirken ließ,
hatten die Leute das Gefühl, in der Gegenwart von etwas Heiligem zu sein.
    Godwyn beobachtete
Carlus aufmerksam. Als dieser im nördlichen Seitenschiff die exakte Mitte des
letzten Jochs erreicht hatte, blieb er stehen und wandte sich nach links.
Simeon hielt sich bereit, um einzugreifen, sollte Carlus die falsche Richtung
einschlagen,

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