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Die Tore der Welt

Titel: Die Tore der Welt Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ken Follett
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doch das war nicht nötig. Sehr gut! Je selbstbewusster Carlus wurde,
desto wahrscheinlicher war es, dass er im entscheidenden Augenblick stolperte.
    Carlus zählte die
Schritte, hielt genau in der Mitte der Kirche inne und machte erneut eine
Vierteldrehung nach links. Durch den Mittelgang des Langhauses schritt er
zwischen den Reihen der Gläubigen hindurch geradewegs auf den Altar in der
Vierung zu. In diesem Augenblick verstummte der Gesang, und die Prozession
setzte ihren Weg in erhabener Stille fort.
    Das muss ein
bisschen so sein, als würde man sich nachts zur Latrine tasten, dachte Godwyn.
Carlus war diesen Weg den größten Teil seines Lebens mehrmals im Jahr gegangen.
Nun allerdings führte er die Prozession an, sodass er sicherlich sehr
angespannt war.
    Nach außen hin
jedoch wirkte er ruhig; nur ein leichtes Bewegen der Lippen verriet, dass er
seine Schritte zählte. Nur würde ihm das nichts helfen, denn Godwyn hatte dafür
gesorgt, dass Carlus sich verzählte und sich im allerheiligsten Augenblick zum
Gespött machen würde. Hoffentlich fing der Alte sich nicht irgendwie.
    Die Gemeinde wich furchtsam
zurück, als die heiligen Reliquien an ihr vorbei getragen wurden. Die Menschen
wussten, dass es Wunder bewirken konnte, das Reliquiar zu berühren, aber sie
glaubten auch, dass jede Respektlosigkeit gegenüber den Gebeinen des Heiligen
schreckliche Folgen haben könnte. Schließlich wachten die Geister der Toten
über ihre Überreste, während sie auf das Jüngste Gericht warteten, und jene,
die ein heiligmäßiges Leben geführt hatten, besaßen nahezu unbegrenzte Macht
und konnten die schlimmsten Strafen auf die Lebenden herab beschwören.
    Kurz kam Godwyn der
Gedanke, der heilige Adolphus könnte es ihm übel nehmen, was gleich in der
Kathedrale von Kingsbridge geschehen würde. Er schauderte, erfüllt von
plötzlicher Angst, beruhigte sich jedoch mit dem Gedanken, dass er zum Wohle
der Priorei handelte, welche die heiligen Gebeine beherbergte. Der allwissende
Heilige, der in die Herzen der Menschen schauen konnte, würde zweifelsohne
verstehen, dass es so am besten war.
    Carlus wurde
langsamer, als er sich dem Altar näherte, doch jeder seiner Schritte hatte noch
immer genau die gleiche Länge. Dann aber schien er zu zögern, ehe er jenen
Schritt machte, der ihn nach seinen eigenen Berechnungen dicht an das Podest
mit dem Altar bringen würde. Godwyn schaute hilflos zu und fürchtete, dass sich
im letzten Augenblick doch noch etwas ändern würde.
    Dann ging Carlus
selbstbewusst weiter.
    Einen halben
Schritt eher, als er erwartet hatte, stieß sein Fuß gegen die Stufenkante. In
der Stille hallte der Tritt seiner Sandale gegen das Holz laut wider. Carlus
stieß einen erschrockenen Schrei aus. Sein Schwung trug ihn weiter nach vorne.
    Ein Gefühl des
Triumphs erfasste Godwyn, zumindest für einen winzigen Augenblick. Dann schlug
das Verhängnis zu.
    Simeon versuchte
noch, Carlus am Arm zu packen, doch es war zu spät. Das Reliquiar flog Carlus
aus den Händen. Die Gemeinde schnappte entsetzt nach Luft. Das Reliquiar
landete scheppernd auf dem Steinboden und brach auf, sodass die Knochen des
Heiligen sich über den Boden verstreuten. Carlus krachte gegen den Holzaltar,
stieß dabei das Podest zurück und warf das Kruzifix mitsamt den Kerzen
hinunter.
    Godwyn war
entsetzt. So schlimm hatte es nun auch nicht kommen sollen.
    Der Schädel des
Heiligen kullerte über den Boden und blieb vor Godwyns Füßen liegen.
    Sein Plan war
aufgegangen — allerdings ein wenig zu gut. Carlus hatte stürzen und einen
hilflosen Eindruck erwecken sollen, doch es hatte nicht in Godwyns Absicht
gelegen, die heiligen Reliquien zu entweihen. Voller Schrecken starrte er auf
den Schädel am Boden, der ihn aus dunklen Augenhöhlen vorwurfsvoll anzuschauen
schien.
    Mit welch
furchtbarer Strafe musste er nun rechnen?
    Würde er für solch
ein Verbrechen jemals sühnen können? Da Godwyn jedoch mit einem Unfall
gerechnet hatte, war er nicht ganz so erschrocken wie alle anderen, und so
erlangte er als Erster die Fassung wieder. Er warf die Arme in die Höhe und
schrie über den Tumult hinweg: »Auf die Knie! Alle! Wir müssen beten!« Die
Leute in den ersten Reihen knieten nieder, und der Rest beeilte sich, diesem
Beispiel zu folgen. Godwyn stimmte ein Gebet an, und die Mönche und Nonnen
fielen ein. Als die Stimmen aller die Kirche erfüllten, stellte er das
Reliquiar wieder

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