Elfenwinter
Nachtlager vorbereiten. Dort sind wir vor dem Wind geschützt, und es gibt einen großen Felsen, der die Wärme des Feuers zurückstrahlt. Zuallererst müssen wir dort einen Holzvorrat anlegen, der uns über die Nacht bringt. Dann können wir hier weitermachen. Kannst du uns Holz suchen, Ulric? Ich muss noch einige der Opfergaben in den Eisenmann schlagen.«
Ulric nickte begeistert und lief los.
Zwei Stunden später schoben sie mit Stöcken die Glut an der Felswand zur Seite. Ulric hatte ein wenig übertrieben und ein Feuer entfacht, auf dem man einen Ochsen hätte braten können. Das welke Laub war zu Asche geworden. Gundar war unruhig. Zu spät erst war ihm aufgegangen, dass Luths Geschenk rettungslos verloren war, sollte es brennbar gewesen sein.
Ulric stieß seinen Grabstock mit aller Kraft in den Boden. Es bereitete einige Mühe, das mit Humus durchsetzte Geröll zu bewegen. Der Priester hielt eine Fackel, um dem Jungen zu leuchten. Ohne sich zu schonen, arbeitete Ulric und kniete bald in einer flachen Grube. Manchmal half Gundar ihm, wenn es galt, einen größeren Stein freizuhebeln.
»Hier ist ein Spalt!«
»Darf ich sehen?« Der Priester beugte sich weit vor. Alfadas' Sohn hatte einen fingerbreiten Riss am Fuß der Felswand freigelegt. Davor lag eine Gruppe faustgroßer Steine. »Die Steine dort sehen seltsam aus. Als hätte man sie aufgeschichtet.«
Ulric nahm sich einen dünnen Ast aus den Resten des verloschenen Feuers und schob ihn in den Felsspalt. »Da geht es tief runter! Vielleicht finden wir eine Schatzhöhle?«
Gundar musste lächeln. Er hatte keine rechte Vorstellung von dem Geschenk, das der Gott ihnen gemacht haben mochte, aber an eine Schatzhöhle glaubte er keinesfalls. Er zwängte seinen Grabstock in den Spalt. Mit einem Ruck hebelte er die Steine zur Seite.
Ulric war eifrig dabei, die Felsbrocken aus der flachen Mulde zu werfen. Je tiefer sie gruben, desto breiter wurde der Spalt. Schließlich konnte Ulric einen Arm hineinstecken. Er legte sich flach auf den Bauch und angelte mit seinen Fingern in dem Versteck. »Da unten ist etwas Glitschiges.«
»Kannst du es hochziehen?«
»Es ist schwer. Ich kann es nicht richtig greifen. Es rutscht mir immer wieder zwischen den Fingern hindurch.« Ulric richtete sich wieder auf. Sein weißer Mantel war ganz mit Schmutz bedeckt.
Schweigend gruben sie tiefer, bis die Öffnung weit genug wurde, dass Gundar seinen Arm hineinstecken konnte. Seine Finger ertasteten etwas Kaltes, Rutschiges. Modergeruch stieg aus dem Versteck. Als der Priester den geheimnisvollen Schatz endlich fest zu packen bekam, musste er all seine Kraft aufbieten, um ihn emporzuziehen.
Luths Geschenk war in schimmeliges Leder gehüllt. Etwas darin klirrte leise, als Gundar seinen Fund auf den Boden legte. Offenbar war das Leder einmal sehr sorgfältig eingeölt worden. Dort, wo keine Schimmelflecken waren, schimmerte es noch immer feucht.
»Willst du es nicht aufmachen?«, fragte Ulric ungeduldig.
Gundar schüttelte bedächtig den Kopf. Er hatte eine Ahnung, was er im Leder eingeschlagen finden würde, doch konnte er sich nicht vorstellen, was er als Priester damit anfangen sollte.
Wie es schien, schickte Luth ihn in den Krieg. Aber gegen wen? Mochte es sein, dass das Wolfspferd gar nicht vom Schicksalsweber gesandt worden war?
»Gehen wir hinüber zu unserem Nachtlager und legen dort neues Holz ins Feuer. Wir wollen unseren Schatz doch bei Licht betrachten.«
DAS LOGBUCH DES EISSEGLERS ROSENZORN
1. Tag der Reise, Vormittag: Lange vor .Morgengrauen wurde der Kriegsrat einberufen. Ein ungünstiges Omen überschattet den Tag unseres Aufbruchs aus dem Schneehafen von Phylangan. Alle Fische im See der Himmelshalle sind verendet. Es gibt keine Erklärung für dieses Ereignis, genauso wenig wie für die toten Kobolde, die man vor drei Tagen gefunden hat. Ein unsichtbarer Feind scheint sich in die Felsenburg eingeschlichen zu haben.
Nachmittag: Die Rosenzorn riecht nach frischer Farbe. Wie die Weidenwind und die Schwertwal wurde der Eissegler weiß, ge strichen, damit er in der Eislandschaft schwerer zu entdecken ist. Der Menschenfürst Alfadas ist an Bord gekommen. Er wird das kleine Geschwader führen. Sein Bordoffizier ist eine Gestalt, der die halbe Nase fehlt. Außer mir sind nur noch sieben Elfen an Bord. Auf den beiden anderen Schiffen sieht es ähnlich aus. Auf Befehl des Herzogs wurden zahlreiche Veränderungen vorgenom men. Schwere "Windenarmbrüste sind auf die
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