Endstation Venedig
nächsten Morgen um acht in die Questura, nachdem er unterwegs noch die Zeitungen gekauft hatte. Der Mord hatte es auf Seite elf des Corriere geschafft, der allerdings nur zwei Absätze dafür übrig hatte, in La Repubblica wurde er nicht erwähnt, verständlich am Jahrestag eines blutigen Bombenanschlags der sechziger Jahre, aber er war auf der ersten Seite des zweiten Teils von Il Gazzettino gelandet, gleich links neben einem Bericht – dieser mit Foto – über den tödlichen Unfall dreier junger Männer, die mit ihrem Auto auf der Autobahn zwischen Dolo und Mestre in einen Baum gerast waren.
In dem Artikel stand, daß der junge Mann, dessen Name mit Michele Foster angegeben war, offensichtlich Opfer eines Raubüberfalls geworden sei. Es wurde die Vermutung ausgesprochen, daß Drogen im Spiel wären, obwohl der Verfasser des Artikels, ganz nach Art des Gazzettino, sich nicht die Mühe machte, Genaueres über die Art des Spiels zu sagen. Brunetti dachte manchmal, welch ein Glück es doch für Italien war, daß eine verantwortungsvolle Presse nicht zu den Voraussetzungen für den Beitritt zum Gemeinsamen Markt gehörte.
Im Flur der Questura hatte sich die übliche Menschenschlange vor dem Ufficio Stranieri gebildet, mit vielen schlecht gekleideten und armselig beschuhten Emigranten aus Nordafrika und dem frisch befreiten Osteuropa. Brunetti betrachtete diese Schlange nie, ohne sich einer gewissen historischen Ironie bewußt zu sein: Drei Generationen seiner eigenen Familie waren aus Italien geflohen oder hatten es verlassen, um ihr Glück in so weit entfernten Ländern wie Austra-lien oder Argentinien zu suchen. Und in einem durch die Ereignisse der letzten Jahre verwandelten Europa war nun Italien das Eldora-do neuer Wellen noch ärmerer, noch dunkelhäutigerer Emigranten.
Viele seiner Freunde sprachen von diesen Menschen mit Verachtung, Abscheu, sogar Wut, aber Brunetti sah in ihnen immer auch seine eigenen Vorfahren, wie sie in ähnlichen Schlangen gestanden hatten, auch sie schlecht gekleidet, miserabel beschuht und kaum der Sprache mächtig. Dabei bereit, jedem den Dreck wegzuputzen und die Kinder großzuziehen, der sie dafür bezahlte – genau wie diese armen Teufel hier.
Er ging die Treppen zu seinem Büro im vierten Stock hinauf und begrüßte dabei ein oder zwei Leute mit einem Guten Morgen, andere mit einem Nicken. Im Büro angelangt, sah er nach, ob irgendwelche neuen Papiere auf seinem Schreibtisch lagen. Es war noch nichts gekommen, also fühlte er sich frei, mit dem Tag anzufangen, was er für richtig hielt. Und das war, nach dem Telefon zu greifen und sich mit der Carabinieristation auf dem amerikanischen Stützpunkt in Vicenza verbinden zu lassen.
Wie sich herausstellte, war diese Nummer erheblich einfacher herauszufinden als die des Stützpunkts, und innerhalb weniger Minuten sprach er mit Maggior Ambrogiani, der Brunetti informierte, daß ihm der italienische Teil der Untersuchung von Fosters Tod übertragen worden sei. Ambrogianis tiefe Stimme hatte diesen melodiösen Singsang, dem Brunetti entnahm, daß der Maggiore aus dem Veneto stammte, wenn auch nicht aus Venedig.
Italienischer Teil?
fragte Brunetti.
Nun ja, soweit er sich von den Ermittlungen unterscheidet, die von den Amerikanern selbst durchgeführt werden.
Heißt das, es gibt Probleme wegen der Zuständigkeit?
wollte
Brunetti wissen.
Nein, das glaube ich nicht , antwortete der Maggiore.
Ihr in
Venedig, die Staatspolizei, habt die Ermittlungen dort in der Hand.
Aber ihr braucht die Erlaubnis oder Hilfe der Amerikaner für alles, was ihr eventuell hier unternehmen wollt.
In Vicenza?
Ambrogiani lachte.
Nein, diesen Eindruck wollte ich nicht erwecken. Nur hier, auf dem Stützpunkt. Solange Sie in Vicenza sind, in der Stadt, sind wir zuständig, die Carabinieri. Aber sobald Sie den Stützpunkt betreten, übernehmen die Amerikaner, und die helfen Ihnen dann auch.
Das klingt, als ob Sie da gewisse Zweifel hätten, Maggiore , sagte Brunetti.
Nein, keinerlei Zweifel. Nicht im mindesten.
Dann habe ich Ihren Ton fehlgedeutet.
Aber er glaubte nicht,
daß er das hatte. Ganz und gar nicht.
Ich würde gern hinkommen
und mit den Leuten reden, die den jungen Mann gekannt und mit ihm gearbeitet haben.
Das sind alles Amerikaner, oder die meisten , sagte Ambrogiani und überließ es Brunetti, daraus mögliche Schwierigkeiten mit der Verständigung abzuleiten.
Mein Englisch ist ganz gut.
Dann dürfte es kein Problem sein, sich
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