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durch eine bestimmte Ruderstellung von den nordöstlichen Winden nach Süden und Osten auf die Insel Luzon zutreiben lassen und ihre Fahrt so um ein bis zwei Wochen abkürzen könnten. Also nahmen sie Kurs auf die Philippinen, und obwohl die Ergebnisse des ersten Tages entmutigend waren, brachten sie sich mit der Zeit bei, die Szélanya dazu zu bringen, dass sie meistens Südsüdostkurs fuhr.
Dann musste man bloß noch warten, den Himmel beobachten und sich fragen, wie das alles wohl laufen würde, wenn der unvermeidliche Sturm zuschlug. Ihnen fiel – offenkundig viel zu spät – ein, dass sie die Treibstofftanks nicht vollständig hätten leerlaufen lassen sollen, da es schön wäre, den Generator, der die Lenzpumpe mit Strom versorgte, betreiben zu können. Ein Batteriesystem schien die GPS -Einheit und andere elektronische Kleingeräte am Leben zu halten, aber von den energiehungrigen Sachen stand ihnen nichts zur Verfügung; wenn sie an einer Leine ziehen mussten, benutzten sie eine Winsch mit Handkurbel oder bastelten, wenn keine an der richtigen Stelle war, ein seltsames, primitiv anmutendes Gewirr aus Kabeln und Hebeln zusammen, um die Arbeit zu erledigen. Das gesamte Schiff sah allmählich so aus, als wäre es mit Aderpressen aus Metall zusammengebunden.
Sie überstanden einen Sturm, der rückblickend gar keiner gewesen war, sondern bloß ein verregneter Tag mit großen Wellen. Aus irgendeinem Grund war die Steuerfrau am wenigsten anfällig für Seekrankheit; sie neigte dazu, mehr Zeit als jeder andere auf der Brücke zu verbringen, wo das Stampfen und Rollen und Gieren eigentlich am schlimmsten hätte sein müssen. Wenn die See glatt war, kamen der Skipper und der Ingenieur sie dort oben besuchen, aber sie betrachteten die Brücke mittlerweile als Privatgarderobe der Steuerfrau und zögerten vor dem Eintreten. Bei rauer See waren sie natürlich in aller Regel damit beschäftigt, die Segel zu setzen und Sachen zu reparieren, die gerade kaputtgegangen waren. Die Reaktion des Ingenieurs auf Seekrankheit bestand darin, sich dem Wetter auszusetzen, auf dem Vorderdeck zu liegen, unverwandt auf den Horizont zu starren und sich von Regen und Wellenkämmen überspülen zu lassen. Der Skipper verfuhr so, dass er sich in seine Kabine zurückzog, wo er sich an seinem Elend weiden konnte, ohne beobachtet zu werden. Keine der beiden Strategien wäre möglich gewesen, hätte die Steuerfrau nicht die Fähigkeit besessen, stundenlang ohne Pause wie festgewachsen auf der Brücke zu stehen, das Rad zu führen und den Kompass und das GPS im Auge zu behalten.
Der Regentag mit Wellen hatte zumindest als eine Art Probe für einen richtigen Sturm gedient. Der Ingenieur, der eine vage Erinnerung daran hatte, wie sein winziges Segelboot auf dem Plattensee einmal vom Kielwasser eines Motorbootes überflutet worden war, war sich ziemlich sicher, dass die korrekte Methode, mit solchen Situationen umzugehen, darin bestand, das Schiff rechtwinklig zu den Wellenkämmen zu halten. Das senkte die Wahrscheinlichkeit des Kenterns, wenn man breitseits getroffen wurde. Wenn sie Maschinen gehabt hätten, hätten sie die Szélanya natürlich in jede Richtung stellen können, die ihnen beliebte. So aber mussten sie, wie der Ingenieur berechnet hatte, ein kleines Segel setzen, gerade groß genug, dass es das Schiff windabwärts zog, aber nicht so groß, dass es von wechselnden Winden in Fetzen gerissen wurde. Er hatte sich an die Arbeit gemacht, aus Planen, Netzen und anderem Schrott, den sie nicht schon für andere Zwecke benutzt hatten, einen solchen Gegenstand zu fertigen. Allein dass er dies tat, hatte offenbar sehr alte, bislang verschüttete Erinnerungen wiederaufleben lassen, Fragmente nautischer Überlieferungen, die er in jüngeren Jahren bei der Lektüre ungarischer Übersetzungen von Büchern wie Moby Dick und Die Schatzinsel aufgeschnappt hatte. Er wachte mit der vagen, sich in seinem Denken verfestigenden Überzeugung auf, dass es vielleicht eine gute Idee wäre, achtern etwas Großes, viel Widerstand Bietendes auszuwerfen und hinter ihnen her durchs Wasser zu schleppen; während der Wind die Szélanya dahinschob, würde dieses Schleppholz das Heck nach hinten ziehen und das Schiff in einer festen Richtung halten, die im Großen und Ganzen rechtwinklig zu den Wellenkämmen liegen sollte. Er opferte einen kleinen Tisch für den Zweck, hüllte ihn in ein Gewirk aus Tauen und stieß ihn dann am Ende eines Kabels vom Heckbalken. Dieser
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