Ferne Ufer
grüner im Gesicht wurde, weigerte er sich, unter Deck zu gehen, solange die Küste Schottlands noch in Sicht war.
»Es kann sein, daß ich meine Heimat nie wiedersehe«, bemerkte er düster, als ich ihn überreden wollte, sich hinzulegen. Er hatte sich gerade übergeben und lehnte nun schwer an der Reling, den sehnsuchtsvollen Blick auf die unwirtliche, öde Küste gerichtet.
»Nein, du siehst sie wieder«, versicherte ich ihm, ohne nachzudenken. »Du kehrst zurück. Ich weiß zwar nicht, wann, aber ich weiß, daß du heimkehrst.«
Er wandte sich um und blickte verwirrt zu mir auf. Dann huschte ein Lächeln über sein Gesicht.
»Du hast mein Grab gesehen«, sagte er leise. »Nicht wahr?«
Ich zögerte, aber da ihn das nicht aufzuregen schien, nickte ich.
»Ist schon gut.« Er schloß die Augen und atmete schwer. »Sag mir… sag mir aber nicht, wann, wenn es dir nichts ausmacht.«
»Das könnte ich gar nicht. Es stand kein Datum auf dem Stein. Nur dein Name - und meiner.«
»Deiner?« Erstaunt riß er die Augen auf.
Wieder nickte ich. Bei der Erinnerung an die Granittafel zog sich mir die Kehle zusammen. Es war ein sogenannter »Ehestein« gewesen, ein Viertelbogen, der mit einem zweiten Stein ein Ganzes bilden würde. Ich hatte natürlich nur die eine Hälfte gesehen.
»Es standen alle deine Namen darauf. Deshalb wußte ich, daß es deiner war. Und darunter hieß es: ›Verbunden mit Claire über den Tod hinaus‹. Damals wußte ich nicht, wie das - aber jetzt natürlich schon.«
Er nickte langsam. »Aye, ich verstehe. Aye, ich würde sagen, wenn ich in Schottland sein werde und immer noch mit dir verheiratet, dann ist das ›wann‹ nicht mehr wichtig.« Er verzog den Mund zu einem gequälten Grinsen. »Das bedeutet auch, daß wir Ian wiederfinden werden, denn eins verspreche ich dir, Sassenach, ohne ihn werde ich nie wieder schottischen Boden betreten.«
»Wir werden ihn finden«, sagte ich nicht ganz überzeugt. Ich legte meine Hand auf seine Schulter, und gemeinsam beobachteten wir, wie Schottland langsam in der Ferne versank.
Als der Abend anbrach, war die Felsküste Schottlands im Nebel untergetaucht, und Jamie ließ sich willig hinunterführen. Nun aber zeigten sich die unvorhergesehenen Folgen der Bedingung, die er Fergus gestellt hatte.
Außer der des Kapitäns gab es nur zwei kleine Privatkajüten. Da Fergus nicht bei Marsali schlafen durfte, solange ihr Bund nicht kirchlich abgesegnet war, mußten sich Jamie und Fergus wohl oder übel den einen Raum teilen, und Marsali und ich den anderen. Allem Anschein nach stand diese Reise in mehr als einer Hinsicht unter einem Unstern.
Ich hatte gehofft, daß die Übelkeit nachlassen würde, sobald Jamie den unsteten Horizont nicht mehr sehen konnte, aber dem war nicht so.
»Schon wieder?« Mitten in der Nacht stützte sich der verschlafene Fergus in seiner Koje auf den Ellbogen. »Wie ist das möglich? Er hat doch den ganzen Tag nichts gegessen!«
»Das solltest du ihm sagen.« Ich versuchte, durch den Mund zu atmen, während ich mir mit der Schüssel in der Hand einen Weg durch die winzige, vollgestopfte Kajüte bahnte. Ich hatte mich noch nicht daran gewöhnt, daß sich der Boden unter meinen Füßen unablässig hob und senkte, und es fiel mir schwer, das Gleichgewicht zu halten.
»Madame, erlauben Sie?« Fergus schwang seine nackten Füße aus dem Bett, stand auf und wäre fast mit mir zusammengestoßen, als er nach der Schüssel griff.
»Sie sollten sich jetzt niederlegen«, sagte er und nahm sie mir aus der Hand. »Ich kümmere mich um ihn.«
»Tja…« ich konnte nicht leugnen, daß der Gedanke an meine Koje verlockend war. Ein langer Tag lag hinter mir.
»Geh ruhig, Sassenach«, sagte Jamie. Sein schweißglänzendes Gesicht war totenbleich im Licht des Öllämpchens an der Wand. »Es geht mir gut.«
Das war offenkundig gelogen. Andererseits konnte ich auch nicht viel ausrichten. Fergus würde das wenige tun, was zu tun war. Letztlich gab es kein wirksames Mittel gegen Seekrankheit. Es blieb nur zu hoffen, daß Jared recht hatte und die Übelkeit von selbst nachlassen würde, sobald die Artemis auf der ruhigeren Dünung des Atlantiks segelte.
»Gut«, sagte ich. »Vielleicht geht es dir morgen früh besser.«
Stöhnend öffnete Jamie die Augen, um sie sogleich wieder zu schließen.
»Vielleicht bin ich bis dahin tot«, meinte er.
Nach diesem aufmunternden Abschiedswort tastete ich mich auf den dunklen Gang hinaus, stolperte
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