Ferne Ufer
es.«
»Ich fürchte, da irrst du dich«, meinte ich kopfschüttelnd. »Niemand stirbt an Seekrankheit. Obwohl ich sagen muß, daß das an ein Wunder grenzt, wenn ich dich so ansehe.«
»Davon rede ich nicht.« Er sah mich an und richtete sich mühsam auf einem Ellbogen auf.
»Claire. Paß auf dich auf. Ich hätte es dir früher sagen sollen - aber ich wollte dich nicht beunruhigen, und ich dachte…« Sein Gesichtsausdruck veränderte sich, und ich konnte ihm gerade noch rechtzeitig die Schüssel unterhalten.
»O Gott.« Schlaff und bleich lag er da.
»Was hättest du mir sagen sollen?« Mit krauser Nase stellte ich die Schüssel vor der Tür auf dem Boden ab.
»Frag Fergus«, meinte er. »Er soll es dir sagen. Und laß ihn wissen, daß Innes in Ordnung ist.«
»Wovon sprichst du?« fragte ich leicht beunruhigt. Seekranke fielen normalerweise nicht ins Delirium.
Mich auch nur anzusehen bedeutete offenbar eine größere Kraftanstrengung, denn der Schweiß stand ihm auf Stirn und Oberlippe.
»Innes«, wiederholte er. »Er kann es nicht sein. Er will mich nicht umbringen.«
Bei diesen Worten lief es mir kalt den Rücken hinunter.
»Wie fühlst du dich, Jamie?« Ich beugte mich über ihn und trocknete die Stirn. Er lächelte matt. Fieber hatte er nicht, und seine Augen waren klar.
»Wer?« fragte ich vorsichtig. Plötzlich hatte ich das Gefühl, von hinten beobachtet zu werden. »Wer will dich dann umbringen?«
»Ich weiß nicht.« Sein Gesicht verkrampfte sich, aber er preßte die Lippen aufeinander und unterdrückte den Impuls.
»Frag Fergus«, wisperte er, als er wieder sprechen konnte. »Unter vier Augen. Er wird es dir sagen.«
Ich fühlte mich hilflos und hatte keine Ahnung, wovon er sprach, aber wenn er in Gefahr schwebte, würde ich ihn bestimmt nicht allein lassen.
»Ich warte, bis er runterkommt«, sagte ich.
Langsam ließ er die Hand, die vor seinem Gesicht lag, unters Kopfkissen gleiten und zog einen Dolch hervor, den er an seine Brust drückte.
»Ich komme zurecht«, versicherte er mir. »Geh jetzt, Sassenach. Ich glaube nicht, daß sie es am hellen Tage versuchen. Wenn überhaupt.«
Das beruhigte mich zwar nicht im geringsten, aber was sollte ich tun? Reglos wie ein Grabrelief lag er da und hielt den Dolch auf seiner Brust fest.
»Geh«, murmelte er, fast ohne die Lippen zu bewegen.
Am Ende des dunklen Gangs regte sich etwas. Bei genauerem Hinsehen erkannte ich Mr. Willoughby, der in der Ecke kauerte. Er verbeugte sich höflich.
»Keine Sorgen, ehrenwerte erste Ehefrau«, flüsterte er. »Ich passe auf.«
»Gut. Bleiben Sie auf dem Posten«, sagte ich und ging, in düstere Gedanken versunken, nach oben, um Fergus zu suchen.
Fergus, der mit Marsali auf dem Achterdeck stand und irgendwelche Vögel beobachtete, konnte mich ein wenig beruhigen.
»Wir sind nicht sicher, ob tatsächlich jemand vorhat, Mylord zu töten«, erklärte er. »Das mit den Fässern im Lagerhaus könnte ein Unfall gewesen sein - dergleichen habe ich schon öfter als einmal beobachtet - und genauso das Feuer in der Scheune, aber…«
»Einen Augenblick, mein Junge«, sagte ich und packte ihn am Ärmel. »Welche Fässer? Und welches Feuer?«
»Oh.« Er wirkte überrascht. »Hat Mylord es Ihnen nicht erzählt?«
»Mylord ist sterbenskrank und unfähig, mir irgend etwas zu erzählen, außer daß ich dich fragen soll.«
Fergus schüttelte den Kopf und schnalzte mißbilligend mit der Zunge.
»Er kann sich nie vorstellen, daß er so krank wird«, meinte er. »Er wird es aber immer, und jedesmal, wenn er eine Schiffsreise antreten muß, behauptet er, es wäre nur eine Frage des Willens. Sein Kopf soll der Herr sein, und er will nicht zulassen, daß sein Magen das Kommando übernimmt. Doch wenn er das Schiff auch nur von weitem sieht, wird er schon grün.«
»Das hat er mir nie erzählt.« Die Schilderung amüsierte mich. »Alter Dickschädel.«
Mit hochmütiger Miene stand Marsali hinter Fergus und tat so,
als wäre ich nicht da. Bei dieser lebendigen Schilderung Jamies ließ sie sich jedoch zu einem Lachen hinreißen. Als sie meinen Blick auffing, wandte sie sich hastig ab und starrte mit glühenden Wangen aufs Meer hinaus.
Fergus zuckte lächelnd die Achseln. »Sie wissen ja, wie er ist, Madame«, meinte er voll Wärme. »Auch wenn er im Sterben läge, würde er es niemanden merken lassen.«
»Du würdest es merken, wenn du jetzt runtergingst und ihn sähest«, entgegnete ich spitz. Gleichzeitig war ich
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