Fitz der Weitseher 02 - Der Schattenbote
gelassen. »Sie sagte, du hättest dir offenbar meine Zuneigung erschlichen und mich dann sitzenlassen. Unter der stillschweigenden Voraussetzung, dass du mich eines Tages heiraten würdest, hätte ich mir von dir den Hof machen lassen.«
»So ist das nicht …« Bestürzt, verwirrt, benommen, fiel es mir schwer, Worte zu finden. »Wir waren Freunde. Ich wusste nicht, dass du andere Gefühle hattest...«
»Wirklich nicht?« Sie reckte das Kinn vor, eine Geste, die ich
sehr gut kannte. Vor sechs Jahren hätte man dabei mit einem Fausthieb in die Magengrube zu rechnen gehabt. Auch in diesem Augenblick machte ich noch eine unwillkürliche Abwehrbewegung, doch ihre Stimme klang eher noch etwas ruhiger, als sie sagte: »Ich neh me an, ich hätte mit dieser Antwort rechnen sollen. So kannst du dich am leichtesten herauswinden.«
Nun wurde ich ärgerlich. »Du bist diejenige, die ohne ein Wort weggegangen ist. Und das mit die sem Seemann, Jade. Glaubst du, ich wüsste nichts von ihm? Ich war da, Molly. Ich habe gesehen, wie du seinen Arm genommen hast und wie ihr weggegangen seid. Wenn es dir so ernst war mit mir, wes halb bist du nicht zuerst zu mir gekommen, bevor du dich mit ihm eingelassen hast?«
Sie richtete sich hoch auf. »Ich war zu dieser Zeit eine Frau mit Zukunft. Und dann musste auf einmal erfahren, dass ich nichts besaß als Schul den. Oder glaubst du, dass ich von den Schulden meines Vaters wusste und den Dingen einfach ihren Lauf ge lassen habe? Erst nachdem er unter der Erde war, klopften die Gläubiger an die Tür. Ich verlor alles. Hätte ich als Bettlerin zu dir kommen sollen, in der Hoffnung, dass du mich aufnimmst? Ich glaubte, dass du etwas für mich empfindest. Ich dachte, du wolltest … Verflucht, weshalb erzähle ich dir das alles?« Ihre Worte prasselten auf mich nieder wie ein Steinhagel. Ihre Augen loderten, ihre Wangen waren ge rötet. »Ich dachte, du hättest die Absicht, mich zu heiraten, mit mir zusammen eine Zukunft aufzubauen. Dazu wollte ich etwas beitragen, und nicht ohne ei nen Pfennig zu dir kom men. Was ich mir alles ausgemalt habe! Wir in ei nem kleinen Laden, ich mit meinen Kerzen und Kräutern, du mit deinen Fähigkeiten als Schreiber … deshalb bin ich zu meinem Vetter gegangen, um mir Geld zu bor gen. Er hatte selbst nichts üb rig, brachte mich aber nach Syltport, um mit seinem älteren Bruder Flint zu sprechen. Ich habe dir erzählt, was daraus geworden ist. Die Rückfahrt
musste ich mir auf einem Fischkutter erarbeiten, Fische ausnehmen und in Salz legen. Ich kam nach Burgstadt wie ein geprügelter Hund. Mit Mühe schluckte ich meinen Stolz herunter und kam hier herauf, nur um festzustellen, wie dumm ich gewesen war, wie du mich getäuscht und belogen hast. Du bist ein Bastard, Neuer, wirklich und wahrhaftig.«
Einen Moment lauschte ich ratlos einem merkwürdigen Geräusch und versuchte zu begreifen, was es war. Dann verstand ich. Sie weinte, mit kurzen atemlosen Schluchzern. Hätte ich es gewagt, aufzustehen und zu ihr zu ge hen, wäre ich auf die Nase gefallen - oder sie hätte mich zu Boden gestoßen. So plump, wie es nur von einem Betrunkenen zu erwarten war, wiederholte ich: »Nun, wie war das mit Jade? Wes halb fiel es dir so leicht, mit ihm zu gehen? Weshalb bist du nicht erst zu mir gekommen?«
»Ich habe dir doch gesagt - er ist mein Vetter, du Schwachkopf!« Der Zorn trocknete ihre Tränen. »In der Not wendet man sich an die Familie. Ich bat ihn um Hilfe, und er brachte mich zum Hof seines Bruders, um bei der Ernte zu helfen.« Ein kurzes Schweigen, dann fuhr sie ungläubig fort: »Was hast du geglaubt? Ich wäre die Sorte Frau, die heimlich noch einen zweiten Verehrer hat?« Frostig fügte sie hinzu: »Dass ich dich ermutigen würde, um mich zu werben, und gleichzeitig einem anderen schöne Augen mache?«
»Nein. Das habe ich nicht gesagt.«
»Aber natürlich hast du das geglaubt.« Sie sagte es, als wäre plötzlich alles ganz klar. »Du bist wie mein Vater. Er hat immer geglaubt, ich lüge, weil er selbst so vie le Lügen erzählte. Genau wie du. ›Oh, ich bin nicht betrunken‹, obwohl du nach Wein stinkst und kaum aufrecht stehen kannst. Und dein albernes Gerede: ›Ich habe geträumt, du wärst in Syltport‹. Die ganze Stadt wusste, dass ich nach Syltport gegangen war. Wahrscheinlich hast du die ganze Geschichte heute Abend in irgendeiner Taverne gehört.«
»Nein, habe ich nicht. Molly, du musst mir glauben.« Auf der Suche nach irgendeinem
Weitere Kostenlose Bücher