Geschichte des Westens
politischen Instabilität. Zwischen April 1925 und Juli 1926 erlebte Frankreich sechs verschiedene Regierungen. Einen ruhenden Pol bildete in dieser Zeit der Quai d’Orsay: An der Spitze des Außenministeriums stand seit dem 17. April 1925 der ehemalige Sozialist Aristide Briand, der diese Funktion faktisch ununterbrochen bis zum 12. Januar 1932 innehatte. In das erste Jahr seiner Tätigkeit als Außenminister fielen die am 10. Oktober 1925 unterzeichneten, noch ausführlicher zu behandelnden Locarno-Verträge, in denen Deutschland seine Westgrenzen als endgültig anerkannte. Locarno stand am Beginn jenes von Briand und seinem deutschen Kollegen Gustav Stresemann geprägten Kapitels in der Geschichte der deutsch-französischen Beziehungen, das von vielen, freilich längst nicht allen Zeitgenossen als Aufbruch in eine friedliche Zukunft des Kontinents gefeiert wurde.
Die Stabilisierung der Währungsverhältnisse gelang den vom Linkskartell getragenen Regierungen nicht. Im Sommer 1926 sank der Kurs des Franc dramatisch: Mitte 1925 waren für ein Pfund Sterling 91 Francs zu zahlen gewesen (1914 nur 25), im Juli 1926 zunächst 200, einige Tage später bereits 240 Francs. Am 17. Juli wurde ein von Finanzminister Caillaux eingebrachter Antrag auf Sondervollmachten (décrets-lois) für die Regierung, das neunte Kabinett Briand, von der Deputiertenkammer abgelehnt. Herriot, der durch eine scharfe Gegenrede dieses Ergebnis herbeigeführt hatte, war seinerseits nicht in der Lage, eine parlamentarische Mehrheit für die neue, von ihm gebildete Regierung zu gewinnen. Damit war das Cartel des gauches nach 25 Monaten endgültig gescheitert. Sein Unvermögen, dem Niedergang des Franc Einhalt zu gebieten, erschien vielen, vermutlich den meistenFranzosen als Offenbarungseid der Linken, nicht wenigen, den Anhängern der radikalen Rechten, aber als mehr: als Beweis für die Unzulänglichkeit des parlamentarischen Systems.
Die traditionelle Speerspitze der extremen Rechten, die monarchistische und radikal nationalistische Action française, verdankte ihre politische Bedeutung zu guten Teilen dem Rückhalt, den sie im französischen Klerus bis hinauf zu Bischöfen und Kardinälen besaß. Die ultrarechte Richtung im französischen Katholizismus erhielt Mitte der zwanziger Jahre vorübergehend Auftrieb, als das Cartel des gauches Anstalten traf, die kirchliche Sonderstellung Elsaß-Lothringens zu beseitigen, wo, anders als im übrigen Frankreich, auch nach der Rückgliederung von 1918 das Konkordat von 1801 fortbestand. Die Versammlung der französischen Kardinäle und Erzbischöfe beantwortete den Vorstoß der Regierung Herriot im März 1925 mit einer Verurteilung des Laizismus und aller laizistischen Gesetze. Als die Regierung ihr Vorhaben auf Grund des Widerstands in der Kammer zurückzog, verebbte sehr rasch auch die kirchliche Gegenbewegung.
Im Herbst 1926 traf ein päpstlicher Bannstrahl die Organisation, die im Kampf gegen den Laizismus der Dritten Republik immer auf der Seite der Kirche gestanden hatte: die Action Française. Pius XI. sah im «integralen Nationalismus», wie ihn Charles Maurras und seine Anhänger predigten, das, was er war: eine militante weltliche Ersatzreligion. Die Schriften von Maurras wurden auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt, die Lektüre der Tageszeitung «L’Action Française» bei Strafe der Exkommunikation verboten. Es folgte eine Säuberung des Klerus und, vor allem, des Episkopats: Bischöfe, die sich weiter zur Action Française bekannten, wurden abgesetzt; ein mit Maurras sympathisierender Kardinal verlor seine Purpurwürde.
Der Bruch mit der Action française schwächte die Organisation des integralen Nationalismus nachhaltig. Die Nutznießer der kirchlichen Umorientierung waren jene Katholiken, die sich im Geist des «ralliement» der 1890er Jahre seit langem auf den Boden der republikanischen Staatsform gestellt hatten und eine christlich-demokratische «Realpolitik» betrieben. Der Vatikan hatte seinerseits keine Bedenken, Anfang 1927, wenige Monate nach dem Zerfall des Cartel des gauches, der auf friedliche Verständigung mit Deutschland ausgerichteten Politik Aristide Briands auf geradezu demonstrative Weise durch den Nuntius in Paris öffentlichen Beifall zu spenden.
Die Action française war Mitte der zwanziger Jahre freilich nur
eine
Erscheinungsform des französischen Rechtsradikalismus. Im Zuge des Kampfes gegen das Linkskartell entstanden neue Vereinigungen
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