Geschichte des Westens
Zustimmung für die Niederwerfung der «Marxisten» und die Beseitigung des schwachen parlamentarischen Systems. Aber auch unter konservativen Politikern fand Mussolini hohe Anerkennung. Der Schatzkanzler des zweiten Kabinetts Baldwin, Winston Churchill, war bei einem Italienbesuch im Winter 1926/27 beeindruckt von der «hier herrschenden Disziplin, der Ordnung und den lächelnden Gesichtern». Nach einer Audienz beim «Duce» erklärte er am 19. Januar 1927 auf einer Pressekonferenz, «angesichts eines solchen mit größter Bereitwilligkeit angenommenen Systems wäre die Behauptung absurd, die italienische Regierung stehe nicht auf einer breiten Basis oder könne sich nicht auf die aktive Zustimmung der großen Masse stützen». Wenn er, Churchill, Italiener gewesen wäre, dann hätte er «in ihrem Kampf (dem Kampf der Regierung Mussolini, H. A. W.) gegen die bestialischen Gelüste und Begierden des Leninismus sicherlich von Anfang an und von ganzen Herzen auf ihrer Seite» gestanden.
Auch Liberale zollten dem faschistischen System Italiens und seinem Führer Reverenz. Am 11. Mai 1930 würdigte der Chefredakteur des «Berliner Tageblattes», Theodor Wolff, Mussolini nach einem ausführlichen Interview als maßvollen Realpolitiker ohne «nationalistische Eitelkeit». Die Antwort, die der «Duce» auf eine kritische Frage nach der Unterdrückung und Inhaftierung Andersdenkender gab, blieb unkommentiert: Er, Mussolini, müsse eine «autoritäre Demokratie» aufbauen.
Ein anderer deutscher Liberaler, der Schriftsteller Emil Ludwig, führte im Frühjahr 1932 eine Reihe von Interviews mit Mussolini, die er anschließend als Buch veröffentlichte. Darin feierte er den «Duce» als «großen Staatsmann», als «echten Diktator», als «Mann von der feinsten Höflichkeit» und als «natürlichsten Menschen von der Welt». Daß Mussolini ausdrücklich versicherte, der Faschismus sei «kein Exportartikel», war auch als Antwort auf Fragen nach den Gefahren der Diktatur zu verstehen. Beruhigt zeigten sich Ludwig wie Wolff, die beide aus jüdischen Familien stammten, darüber, daß der Faschismus Mussolinis Bekundung zufolge nicht antisemitisch war – eine Feststellung, die den unausgesprochenen Wunsch des «Duce» in sich schloß, nicht mit seinem leidenschaftlichsten deutschen Bewunderer in einen Topf geworfen zu werden: mit Adolf Hitler.[ 22 ]
Von Poincaré zu Poincaré:
Frankreich 1923–1929
Ein Jahr, nachdem in Italien die Faschisten an die Macht gelangt waren, schien sich auch in Frankreich eine Systemkrise anzubahnen: Am 14. Oktober 1923 hielt der Präsident der Republik, Alexandre Millerand, in Évreux, nahe Paris, eine Rede, in der er in kaum verschlüsselter Form eine Stärkung der Präsidialgewalt forderte und sich so demonstrativ auf die Seite des regierenden Bloc national unter Ministerpräsident Raymond Poincaré und gegen die Opposition stellte, daß die Linke dies als verdeckten Angriff auf das überkommene parlamentarische System verstand. Der Graben zwischen dem ehemaligen Sozialisten Millerand und den Oppositionsparteien war nun nicht mehr zu überbrücken. Die Kritik am Präsidenten wurde flankiert von einer großangelegten Kampagne der bürgerlichen Radikalsozialisten gegen die gesamte Außen-, Innen- und vor allem Finanzpolitik der RegierungPoincaré. Édouard Herriot, der Vorsitzende der Radicaux, ging im Winter 1923/24 soweit, öffentlich den Abbruch der französisch-belgischen Ruhrbesetzung zu fordern. An die Stelle der Konfrontationspolitik des Bloc national wollte die bürgerliche Linke die Zusammenarbeit mit Großbritannien und das Bemühen um eine Verständigung mit Deutschland setzen.
Zwischen den Radicaux und den Sozialisten gab es in dieser Hinsicht ein breites Feld der Übereinstimmung. Im Januar und Februar 1924 vereinbarten die Radikalsozialisten und die SFIO ein Wahlbündnis – jenes Cartel des gauches, das bei den Wahlen zur Deputiertenkammer im Mai 1924 einen großen Erfolg errang. Zwar erhielt der Bloc national mehr Stimmen als die Linke (4,5 Millionen gegenüber 4,2 Millionen), aber das Wahlgesetz und die Wahlabsprachen der Linken führten dazu, daß der letzteren eine sichere Mandatsmehrheit zufiel: Den 287 Abgeordneten der Kartellparteien (darunter 139 Radicaux und 104 Sozialisten) standen 228 Parlamentarier der Rechten gegenüber. Die Kommunisten kamen, dank einiger regionaler Hochburgen wie des Großraums Paris, auf 26 Abgeordnete. Die radikale Rechte, die Action
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