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Geschichte des Westens

Geschichte des Westens

Titel: Geschichte des Westens Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Heinrich August Winkler
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gegenüber dem Vorkriegskurs. Die Unterzeichner von Kriegsanleihen und kleinen Sparer waren die eigentlichen Opfer der Währungsreform, aber sie schickten sich überwiegend klaglos in das offenkundig Unvermeidbare. In der Folgezeit hortete die Bank von Frankreich Goldreserven in solcher Menge, daß sie damit britischen und amerikanischen Unmut auslöste. Zeitweilig schien es, als habe sich Frankreich dank Poincaré in eine Insel der Stabilität verwandelt.
    Wenige Monate nach der Abwertung des Franc zerbrach die Regierung der Nationalen Einheit. Innerhalb der Radikalen Partei drängte der linke Flügel um Daladier und Caillaux auf eine Trennung von Poincaré. Ihr Hauptargument war, daß der kirchenfreundliche Kursder Rechten ein Verbleiben der Partei in der Regierung unmöglich mache. Auf dem Parteitag der Radicaux Anfang November 1928 gelang es Herriot nicht, die Annahme eines Antrags zu verhindern, der die radikalen Minister zum Rücktritt aufforderte. Da die Angesprochenen sich dem Beschluß fügten, bildete Poincaré ein neues, sein fünftes und letztes Kabinett ohne die Radicaux, das deutlich rechts von der Vorgängerregierung stand. Von den Kabinettsmitgliedern verdienten zwei das Etikett «rechts» im besonderen Maß: Innenminister André Tardieu und Kolonialminister André Maginot.
    Auf die Außenpolitik wirkte sich der Rechtsruck nicht aus. Poincaré hatte dem friedlichen Ausgleich mit Deutschland, für den Briand stand, bisher keine Steine in den Weg gelegt, und er tat es auch in der neuen Regierung nicht. Ein neues Reparationsabkommen, der noch zu erörternde Young-Plan, in dessen Rahmen Frankreich sich zur vorzeitigen Räumung des besetzten Rheinlands verpflichtete, wurde am 12. Juli 1929 von der Deputiertenkammer mit knapper Mehrheit angenommen. Zwei Wochen später, am 26. Juli, erklärte der gesundheitlich geschwächte Ministerpräsident seinen Rücktritt, um sich danach einer unaufschiebbaren Operation zu unterziehen. In den Jahren nach 1926 hatte sich Poincaré vom entschiedenen Nationalisten zum verständigungsbereiten Realpolitiker gewandelt. Das parlamentarische System hatte in dieser Zeit so gut funktioniert wie selten zuvor, durch die Ordnung der Staatsfinanzen war das Ansehen Frankreichs in der Welt gestiegen. Es hing nicht nur von innenpolitischen Faktoren ab, ob diese Entwicklung sich nach Poincarés Demission fortsetzen würde.
    Die politische Stabilisierung Frankreichs in den Jahren nach 1926 fiel zeitlich zusammen mit einem starken Aufschwung der französischen Wirtschaft. Das Bruttosozialprodukt wuchs zwischen 1924 und 1929 um jährlich etwa 3 Prozent, die Produktivität um 2,4 Prozent. Der Motor der Prosperität war die Industrie, deren Produktion zwischen 1921 und 1929 jährlich um durchschnittlich 9,5 Prozent anstieg. Nimmt man 1913 als Basisjahr, lag der Index der industriellen Produktion 1929 bei 140. In der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre vollzog sich eine umfassende Rationalisierung der französischen Industrie im Zeichen des aus Amerika überkommenden «Taylorismus». Besonders bemerkenswert war das Wachstum beim Maschinen- und Flugzeugbau, in der Auto- und in der chemischen Industrie. Produktionsmethoden, die im Krieg in der Rüstungsindustrie entwickelt worden waren,fanden nun Anwendung bei der serienmäßigen Herstellung von hochwertigen Konsumgütern wie Personenkraftwagen.
    Entgegen der verbreiteten Vorstellung von einer «blockierten Gesellschaft» vollzog sich im Frankreich der Zwischenkriegszeit ein wenn auch nicht rapider, so doch kontinuierlicher Wandel von der Agrar- zur Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft. 1906 waren 43 Prozent aller Erwerbstätigen im primären Sektor, der Landwirtschaft, beschäftigt gewesen, 1932 waren es noch 30 Prozent. Die Zahlen der im sekundären Sektor, Industrie und Handwerk, Beschäftigten stiegen in derselben Zeit von 30 auf 34, die der im tertiären, dem Dienstleistungssektor, Beschäftigten von 27 auf 30 Prozent. Die Landwirtschaft nahm am Prozeß der Modernisierung kaum Teil; sie befand sich in den zwanziger Jahren in einer Phase des Niedergangs. Nur in vier Jahren (1924, 1925, 1927 und 1929) übertraf die Agrarproduktion den Stand von 1914. Die Löhne der Arbeiter stiegen zwischen 1913 und 1929 in Paris um 12, in den Provinzen um 21 Prozent. In der gleichen Zeit wuchsen die Unternehmerprofite um 50 Prozent. Gegenüber der politisch und gewerkschaftlich gespaltenen Arbeiterschaft besaß das industrielle «Patronat»

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