Geschichte des Westens
gemeinsamen syrisch-libanesischen Staat vor und ließ die Vorrechte der Mandatsmacht unerwähnt. 1930 oktroyierte Frankreich eine Verfassung für Syrien in einer Form, die seinen Wünschen entsprach. Auf ihrer Grundlage wurde 1932 erstmals ein syrisches Parlament gewählt.
Eine Konstituante berief die Mandatsmacht auch im Libanon ein; im Mai 1926 wurde dort eine konstitutionelle Libanesische Republik proklamiert. Ihre Verfassung sicherte die Vorrechte der Mandatsmacht, regelte aber nicht die Machtverteilung zwischen den Glaubensgemeinschaften. Ihre Gegensätze machten eine normale parlamentarische Arbeit fast unmöglich, so daß die Verfassung mehrfach außer Kraft gesetzt und abgeändert wurde. Der Unabhängigkeit war der Libanon mit der Republikgründung von 1926 gleichwohl einen großen Schritt näher gekommen – ein Faktum, das den syrischen Nationalismus zusätzlich anstachelte. Sein organisatorischer Ausdruck war der Nationale Block, dessen Präsident Haschem el-Atassi ein Vertreter des Panarabismus war. Eine andere Richtung innerhalb des Nationalen Blocks strebte vorrangig ein Groß-Syrien an, das nicht nur den Libanon, sondern auch Palästina und Transjordanien, zwei britische Mandatsgebiete, umfassen sollte. Ein im November 1933 abgeschlossener Vertrag zwischen der Mandatsmacht und der syrischen Regierung, der die Unabhängigkeit Syriens im Rahmen eines Bündnisses mit Frankreich für 1937 vorsah, scheiterte 1934 daran, daß die Nationalisten im syrischen Parlament die Ratifizierung verhinderten. Das 1932 gewählte Parlament wurde daraufhin von der Mandatsmacht aufgelöst, die Entlassung Syriens in die Unabhängigkeit zunächst einmal vertagt.
Der Panarabismus fand in der Zwischenkriegszeit nicht nur im Nahen Osten, sondern auch in Nordafrika einen gewissen Widerhall.Der intellektuelle Wortführer dieser Bewegung war ein im Libanon geborener Druse, der Schriftsteller und Historiker Schakib Arslan, der nach dem Ersten Weltkrieg von Genf aus in der Zeitschrift «La Nation Arabe» den Zusammenschluß der Araber aller Länder propagierte. Für den Maghreb forderte Arslan einen von Frankreich unabhängigen, einheitlichen großen Staat auf der Grundlage der islamischen Orthodoxie, womit er sich mit den räumlich noch weiter ausgreifenden Ambitionen der panislamischen Bewegung berührte. Einen starken Einfluß übte auch die ägyptische Wafd-Partei aus, die seit 1924 die bestimmende innenpolitische Kraft in Kairo war. Im Frühjahr 1919 appellierte sie in einem Manifest an den amerikanischen Präsidenten Wilson, sich zum Sprecher des Selbstbestimmungsrechts der arabischen Völker zu machen.
Diese Forderung machte sich auch der tunesische Scheich Ta’albi zu eigen. Im Februar 1920 gründete er die liberalkonstitutionelle Destour-Partei, die die Tunesier mehrfach zu Demonstrationen gegen die französischen Behörden aufrief. Als sie wenig später einen «realpolitischen» Kurs einschlug und das französische Protektorat grundsätzlich anerkannte, stellte sich auch das nominelle Oberhaupt Tunesiens, der Bey von Tunis, auf ihre Seite, was zu scharfen Auseinandersetzungen mit dem französischen Generalresidenten Lucien Saint führte. 1922 konzedierte die Protektoratsmacht die Bildung von gemischten, aus Europäern und Tunesiern zusammengesetzten örtlichen Gremien, die über gewisse Kompetenzen in der Gewerbepolitik verfügten. 1928 folgte die Reorganisation des Großen Rates, der aus der 1896 geschaffenen Beratenden Konferenz hervorgegangen war, und aus einer direkt gewählten französischen und einer von örtlichen Räten und Kammern beschickten tunesischen Sektion bestand.
Einer jüngeren Generation tunesischer Nationalisten war eine derart symbolische Machtbeteiligung entschieden zu wenig. 1934 spaltete sich die Destour-Partei. Die von dem damals einunddreißigjährigen Habib Bourguiba gegründete Neo-Destour-Partei verlangte die tunesische Souveränität und ein aus dem allgemeinen Wahlrecht hervorgegangenes Parlament, in dem Europäer und Juden ihrem Bevölkerungsanteil entsprechend vertreten sein sollten. In kultureller Hinsicht stärker an Frankreich ausgerichtet, weltlicher, also weniger islamisch als die alte Destour-Partei, konnte die Neo-Destour-Partei bald über die Intellektuellen hinaus einen breiten Anhang in der Mittelschicht gewinnen.
Die Reaktion des weit rechts stehenden Generalresidenten Peyrouton bestand aus einer Reihe von repressiven Maßnahmen wie dem Verbot von Versammlungen und
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