Geschichte des Westens
den Vorteil einer einheitlichen Interessenorganisation: Seit 1919 gab es einen einzigen, schlagkräftigen Dachverband, die auf Betreiben des damaligen Handelsministers Étienne Clémentel gegründete Confédération Générale de la Production Française.
Einen gewissen Anteil am Wirtschaftswachstum der Zwischenkriegszeit hatten, auch infolge der protektionistischen Zollpolitik, die französischen Kolonien. Der Außenhandel der Kolonien verdoppelte sich zwischen 1913 und 1933. 1929 importierten die Kolonien Waren im Wert von insgesamt 19 Milliarden Francs, davon 3 Milliarden aus Frankreich; sie exportierten 14 Milliarden, davon 6 Milliarden nach Frankreich. Im gleichen Jahr hatte das Mutterland eine Gesamteinfuhr von 53 Milliarden und eine Ausfuhr von 51 Milliarden Francs. Der wichtigste Abnehmer französischer Produkte war Algerien, das staatsrechtlich aus drei französischen Departements bestand. Diese drei Departements waren in den beiden Kammern des Parlaments vertreten, ebenso Cochinchina, die «alten» Kolonien Martinique, Gouadeloupe, Réunion, vier Städte in Senegal und die französischen Besitzungen in Indien, darunter Pondichéry, Chandernagor und Mahé. Die einheimische Bevölkerung hatte, außer in Senegal und in den französischen Besitzungen in Amerika, kein Stimmrecht.
Das Recht der Selbstbestimmung wurde den Kolonien, mit Ausnahme des syrisch-libanesischen Mandatsgebiets, mehr oder minder konsequent vorenthalten. Frankreich setzte auf kulturelle Assimilation der Eliten und hatte damit in den schwarzafrikanischen Kolonien mehr Erfolg als in Nordafrika; es tat mehr für die Entwicklung des Schulwesens als alle anderen Kolonialmächte.
In Frage gestellt und bekämpft wurde die französische Kolonialherrschaft in den zwanziger und dreißiger Jahren in Südostasien, im Nahen Osten, in Nordafrika und in Französisch-Kongo. In Indochina unternahm die 1927 in Tonking gegründete, bürgerlich geprägte, revolutionäre Vietnamesische Nationalistische Partei im Februar 1930 einen Aufstandsversuch, die sogenannte Yen-Bucht-Meuterei, die blutig niedergeworfen wurde. Die Führung des Unabhängigkeitskampfes ging danach mehr und mehr an die Kommunisten über. 1930 gründete Ngyen Ai Quoc, der spätere Ho Chi Minh, der während seiner in Frankreich verbrachten Jahre zum Marxisten und Leninisten geworden war, in Hongkong die Kommunistische Partei Indochinas. Im Mai 1930 brach nach der Tötung mehrerer Demonstranten im nördlichen Annam ein kommunistisch gelenkter Aufstand aus, der sich rasch ausbreitete und erst 1931 niedergeschlagen werden konnte. Zahllose Unabhängigkeitskämpfer wurden getötet, Zehntausende in die Plantagen von Cochinchina deportiert. Die kommunistische Bewegung aber organisierte sich im Untergrund neu und bereitete sich auf den Partisanenkampf vor, mit dem sie im Zweiten Weltkrieg die japanischen Okkupanten und nach 1945 Frankreich und schließlich die USA herausforderte.
Im Nahen Osten wurde Frankreich schon bald nach dem Ende des Ersten Weltkriegs mit dem erstarkten arabischen Nationalismus konfrontiert. Im französischen Mandatsgebiet, das Syrien und den Libanon umfaßte, setzte Paris zunächst auf die christliche Minderheit, womit es die muslimische Mehrheit gegen sich aufbrachte. Der Libanon wurde unmittelbar nach Kriegsende besetzt; in Syrien vertrieben französische Truppen im Sommer 1920 den kurz zuvor von einer Notabelnversammlung in Damaskus gewählten König Faisal. Im Libanon wurde ein abhängiger Staat geschaffen, in dem eine christliche Mehrheit einer starken muslimischen Minderheit gegenüberstand. In Syrien riefen die Franzosen erst zwei Staaten, den von Damaskus und den von Aleppo, aus und schufen dann für zwei islamische Sekten, die Drusen und die Alawiten, zwei autonome Verwaltungsgebiete.
1923 begann ein Aufstand der Drusen, der sich 1925/26 zu einem allgemeinen syrischen Aufstand ausweitete. Auf seinem Höhepunkt bombardierten die Franzosen Damaskus, was auch in Frankreich empörte Reaktionen hervorrief. (Die schärfsten Kritiker waren hier, wie auch in anderen Fragen der Kolonialpolitik, die Kommunisten.) Der verantwortliche Hohe Kommissar, General Maurice Sarrail, wurde durch den liberalen Senator Henri de Jouvenel abgelöst. 1927 konnte der Drusenaufstand beendet werden. 1928 berief Jouvenels Nachfolger, der Diplomat Henri Ponsot, eine Verfassunggebende Versammlung ein. Deren Werk fand die französische Seite allerdings nicht annehmbar: Es sah einen
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