Geschichte des Westens
Sowjetunion genoß eine andere Diktatur in Amerika: das faschistische Italien. Die Fascist League of North America, in der sich die radikalsten Gefolgsleute Mussolinis aus «Little Italy», den von italienischen Einwanderern bewohnten Vierteln der großen Städte, sammelten, brachte zwar nur eine winzige Minderheit hinter sich: Bei ihrer Gründungskundgebung am amerikanischen Unabhängigkeitstag, dem 4. Juli 1928, auf Staten Island vor den Toren New Yorks standen 350 Faschisten rund 1000 Antifaschisten gegenüber; bereits Ende 1929 löste sich die Organisation nach heftigen inneren Auseinandersetzungen wieder auf. Aber in den höheren Rängen der amerikanischen Gesellschaft und auch unter manchen Intellektuellen stand der «Duce» als der Mann, der Italien vermeintlich vor Chaos und Kommunismus gerettet hatte, in hohem Ansehen. So schrieb 1924 Irving Babbitt, ein maßgeblicher Vertreter der demokratie- und wettbewerbskritischen «New Humanists», unter Umständen würden sich die Amerikaner noch einmal glücklich schätzen, wenn «sie das amerikanische Äquivalent eines Mussolini bekämen: Es könnte notwendig werden, um uns vor dem Äquivalent eines Lenin zu bewahren.»
Über den Terror der italienischen Faschisten sahen die Rechtsintellektuellen und die republikanischen Administrationen Harding und Coolidge gnädig hinweg, und zu keiner Zeit waren die Beziehungen zwischen Italien und den Vereinigten Staaten so herzlich wie unter der Präsidentschaft Herbert Hoovers zwischen 1929 und 1933. Der Außenminister jener Jahre, Henry L. Stimson, erinnerte sich nach dem Zweiten Weltkrieg, daß er und Hoover in Mussolini einen «vernünftigen und nützlichen Führer» gesehen hätten, der «in seinem Nationalismus nicht aggressiver war als mancher demokratische Staatsmann».
Herbert Hoover, der seit 1921 Handelsminister war, wurde 1928, nachdem Präsident Coolidge auf eine erneute Bewerbung verzichtet hatte, von den Republikanern als ihr Kandidat in das Rennen um die Präsidentschaft geschickt. Demokratischer Bewerber war der Gouverneur von New York, Alfred («Al») E. Smith, ein Katholik und entschiedener Gegner der Prohibition. Hoover siegte bei einer Wahlbeteiligung von knapp 57 Prozent überlegen mit einem Stimmenanteil von 58,2 Prozent gegenüber 40,7 Prozent für Smith. Von den Wahlmännern undWahlfrauen entfielen 444 auf Hoover und 87 auf Smith. Unter den übrigen Bewerbern war der Sozialist Norman Thomas mit 0,7 Prozent oder etwas weniger als 268.000 Stimmen noch der «erfolgreichste». Der kommunistische Kandidat William Z. Foster mußte sich mit unter 49.000 Stimmen, einem Anteil von 0,1 Prozent, begnügen. Die große Mehrheit der Amerikaner war nicht nur mit der bestehenden Gesellschaftsordnung, sondern auch mit der Art und Weise einverstanden, wie die Republikaner in den letzten acht Jahren das Land geführt hatten: Anders ließ sich der eindeutige Wahlausgang nicht interpretieren. Und noch ein Befund war unbestreitbar: Das protestantisch geprägte Amerika wünschte noch immer keinen Katholiken an seiner Spitze.
Am 4. Dezember 1928 richtete der scheidende Präsident Calvin Coolidge seine letzte «State of the Union»-Botschaft an die beiden Häuser des Kongresses. Kein Kongreß der Vereinigten Staaten habe jemals unter derart erfreulichen Vorzeichen getagt wie der jetzige, sagte er. «Im Bereich der inneren Politik herrschen Ruhe und Zufriedenheit, … der höchste Grad der Prosperität der letzten Jahre. In der Außenpolitik herrschen Frieden und der gute Wille, der dem wechselseitigen Verstehen entspringt.» Die Gesetzgebungsorgane und das Land könnten die Gegenwart mit Genugtuung betrachten und der Zukunft mit Optimismus entgegensehen. «Die Hauptquelle dieser beispiellosen Segnungen sind die Rechtschaffenheit und der Charakter des amerikanischen Volkes.»
Was die internationalen Beziehungen betraf, war der von Außenminister Frank B. Kellogg zusammen mit seinem französischen Kollegen Aristide Briand initiierte Briand-Kellogg-Pakt ein gutes Beispiel für die von Coolidge beschriebene, auf wechselseitige Verständigung ausgerichtete Politik. Eine amerikanische Note vom 23. Juni 1928 faßte den wesentlichen Inhalt zusammen: Der Pakt verurteilte den Krieg als «Mittel für die Lösung internationaler Streitfälle» und als «Werkzeug nationaler Politik». Das Recht der Selbstverteidigung blieb davon unberührt, eine Definition des Angreifers und eine Sanktionsregelung fehlten. Immerhin enthielt
Weitere Kostenlose Bücher