Geschichte des Westens
das Abkommen, das bis Ende August 1928 von 15 Staaten, darunter Deutschland, und bis 1939 von weiteren 48 Staaten unterzeichnet wurde, eine indirekte Legitimierung eines Sanktionskrieges gegen den Angreifer und Störer der bestehenden Weltordnung.
Innerhalb der westlichen Hemisphäre, in ihrem mittelamerikanischen«Hinterhof», waren die USA unter Coolidge seit dem Sommer 1926 wieder als Interventionsmacht tätig: Mit Hilfe der Marines unterstützten sie in Nicaragua den konservativen Präsidenten Adolfo Diaz gegen einen Aufstand des Partido Liberal und des mit dieser Partei verbündeten Grupo Armado Liberal unter dem späteren «General de Hombres Libres», Augusto César Sandino. Die Kämpfe in Nicaragua dauerten noch an, als im Januar 1928 in Havanna die Panamerikanische Konferenz zusammentrat. Die Vereinigten Staaten machten auf diesem Treffen den lateinamerikanischen Staaten ein wichtiges Zugeständnis: Sie verzichteten auf die (nach dem Präsidenten Theodore Roosevelt benannte) «Roosevelt Corollary» zur Monroe-Doktrin von 1904, das von den USA beanspruchte Recht, als Polizeimacht in Lateinamerika zu intervenieren, wenn die dortigen Staaten nicht aus eigener Kraft in der Lage waren, innere Ordnung und nationale Souveränität aufrechtzuerhalten. Damit war der Grund gelegt für die von Coolidges Nachfolger Hoover so genannte «good neighbor policy»: die Pflege friedlicher Beziehungen zu Lateinamerika, der sich nach 1933 auch Präsident Franklin D. Roosevelt verpflichtet fühlte.
Der optimistische Ausblick, mit dem Präsident Coolidge den Abschied von seinem Amt vorbereitete, schien auch durch die wirtschaftlichen Daten der Boomjahre gerechtfertigt. Zwischen 1925 und 1929 wuchs die Zahl der industriellen Unternehmungen von knapp 184.000 auf knapp 207.000, der Wert ihrer Produktion von 60,8 auf 68 Milliarden Dollar. Wenn man von dem Produktionsindex des Federal Reserve Board für die Jahre 1923 bis 1925 ausgeht (also den Durchschnitt dieser Jahre gleich 100 setzt), stieg dieser Index bis zum Juli 1928 auf 110 und bis zum Juni 1929 auf 126. Die Automobilerzeugung wuchs von 4,3 Millionen 1926 auf 5,4 Millionen drei Jahre später. Das Volumen des Aktienhandels stieg zwischen dem 12. März und dem 16. Juni 1928 von 3.875.910 auf 5.052.790 Anteile.
Herbert Hoover, 1874 in Iowa geboren und von Beruf Ingenieur, war ein beredter Anwalt dessen, was er in einer New Yorker Wahlkampfrede vom 22. Oktober 1928 «robusten Individualismus» (rugged individualism) nannte. Hoover meinte damit das Wesen des amerikanischen Systems im Gegensatz zu den europäischen Doktrinen des Paternalismus und des Staatssozialismus. Nicht in Europa, sondern in Amerika habe der Liberalismus seinen wahren Geist entfaltet, sagte er in dieser Rede. «Wir sind heute dem Ideal der Abschaffung der Armutund der Verbannung der Furcht aus dem Leben der Menschen näher als je zuvor in der Geschichte. Und ich betone nochmals, daß die Abweichung vom amerikanischen System durch Einfügung schädlicher Prinzipien, wie sie unsere Gegner (die Demokraten, H. A. W.) vorschlagen, die Freiheit unseres Volkes und die Gleichheit der Chancen nicht nur dieser, sondern auch kommender Generationen gefährden würde.»
Als Handelsminister hatte Hoover das Konzept des «associationalism», des freiwilligen nationalen Zusammenschlusses der einzelnen Industriebranchen, vorangetrieben, weil er darin ein Mittel zur Steigerung der Effizienz in Produktion und Vertrieb gefunden zu haben glaubte. Als Präsident versuchte er, gestützt auf diese Erfahrungen, im Juni 1929 mit dem Agricultural Marketing Act das Problem der landwirtschaftlichen Überproduktion, eine Folge der rasanten Mechanisierung des Agrarsektors in den zwanziger Jahren, in den Griff zu bekommen. Hoovers Absicht, über staatlich geförderte, aber freiwillige Zusammenschlüsse der Farmer zu Kooperativen die landwirtschaftliche Ertragslage zu stabilisieren, war sehr viel weniger protektionistisch als der staatliche Aufkauf von landwirtschaftlichen Produkten, den der Kongreß zweimal, 1926 und 1928, in Gestalt der McNary-Haugen Bill beschloß, gegen das Veto von Präsident Coolidge jedoch nicht durchsetzen konnte. Zum Erfolg aber führte auch Hoovers Vorstoß vom Sommer 1929 nicht: Die Farmer blieben die Sorgenkinder der amerikanischen Volkswirtschaft.
Seit Beginn des Jahres 1929 war die Entwicklung der Börsenkurse ein bevorzugtes Thema nicht nur der Zeitungen, sondern auch zahlloser Menschen, die
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