Gibraltar
unnötig beschämen wollte. Sie hatte es gehasst, wie er sie in Schutz genommen hatte, wie er sich von ihnen flügellahm machen ließ, obwohl er längst fähig war, weite Kreise über ihnen zu ziehen. Er musste sich von ihnen lösen. Wenn er mit ihr leben wollte, dann musste er sich von ihnen lösen.
Der Vater und die Mutter wechselten einen Blick, dann sagte der Vater: »Ja. Sicher.«
»Darf ich fragen, in welchem Beruf Sie so viel Erfolg hatten, dass Sie Ihren Sohn auf all die teuren Schulen und Eliteuniversitäten schicken konnten, die man in dieser Branche doch so dringend benötigt, um überhaupt ernst genommen zu werden?«
»Jo, auf Eliteschulen war der ja net«, hieß es aus der Vaterecke.
»Ach so?«, machte Carmen. »Das verwundert mich. Wie hat denn Bernhard diesen, man muss ja schon sagen: kometenhaften Aufstieg in die Chefetagen wohl geschafft, wenn Sie die nötigen Investitionen in seine Zukunft gar nicht bewältigen konnten?«
Der Vater schnaufte ein wenig, die Mutter hüstelte. »Also, bewältigen konnten. Mir hän jo net von Hartz gelebt, oder?«
»Ich verstehe. Also hatten Sie das Geld schon, aber haben es eher anderweitig investiert.«
»Nä«, sagte der Vater, »jo. Ich hab mich ja dann selbstständig gemacht.«
»Mit Metallbau im Bereich Immobiliensanierung, wie ich hörte?« Carmen musste ihre aristokratische Kultiviertheit gegenüber diesen Leuten nicht mühsam behaupten; alles – das gemessene Ablegen des Messers, das Abtupfen der Lippen, das Nippen am Wein – entstand gleichsam wie von selbst, nicht zuletzt das tiefe Bewusstsein, dass sie erhobenen Hauptes hier sitzen konnte und diese Leute, denen gegenüber sie die nobelsten Absichten gehabt hatte und die sie dennoch schon mit ihrer ersten Frage herabzuwürdigen versuchten, bei ihren eigenen Lebenslügen ertappte. Sie kam sich in nichts, was sie fragte oder tat, falsch vor, ja, sie litt sogar mit diesen Menschen, die jetzt so kläglich vor ihr versagten.
»Wir machen Balkons«, sagte der Vater, jetzt noch einsilbiger als zuvor.
»Das ist eine großartige Geschäftsidee«, warf Carmen begeistert ein, »bei all den Altbauten, die in Frankfurt saniert werden. Sicherlich ist das eine wahre Goldgrube?«
»Sagen Sie«, dies jetzt schon gereizt, ohne dass es bereits als offene Unfreundlichkeit zu erkennen gewesen wäre, »was wollen Sie denn jetzt eigentlich wissen?«
Carmen wandte sich ihm zu und sagte: »Auf diese Frage habe ich ehrlich gesagt schon gewartet, Herr Milbrandt. Ich möchte von Ihnen wissen, warum Sie mir unterstellen, ich würde mich von ihrem begüterten Sohn künftig aushalten lassen wollen, obwohl ich Bernhard, anders als Sie – nein, lassen Sie mich bitte ausreden –, anders als Sie mit allen Mitteln unterstütze, und in Zukunft werde auch nicht ich mich von Ihrem erfolgreichen Sohn aushalten lassen müssen, sondern da gibt es Personen, die darauf weitaus mehr angewiesen sein dürften, was – ich bin noch nicht fertig –, was in der Konsequenz nur bedeutet, dass Sie mir eine Charakterlosigkeit unterstellen, die Sie sich in Wirklichkeit selbst zuschreiben müssen. Das möchte ich von Ihnen wissen. Aber wenn Sie erlauben: Jetzt möchte ich erst eine Zigarette rauchen, was ich ja wohl, wenn ich mich hier so umsehe, draußen tun muss, nicht wahr?«
Als sie dann mit Bernhard auf die Terrasse ging und dieser augenzwinkernd »Gut gebrüllt, Löwin« zu ihr sagte, konnte sie sich eingestehen, dass die Eleganz und Tiefenschärfe ihrer Argumentation in völligem Missverhältnis zu ihren Empfängern stand und dass der intellektuelle Aufwand, den sie betrieb, an die Einfältigkeit dieser Menschen vollkommen vergeudet war. Bernhard beschwor sie, sich nicht weiter aufzuregen, dies seien nun mal seine Eltern, er habe keine anderen. »Ich habe dich gewarnt. Ich bin nicht stolz drauf. Nimm sie einfach nicht ernst.«
Und natürlich hatte er vollkommen recht gehabt. Sie beide wussten, dass sie von solchen Menschen nichts zu erwarten hatten. Sie waren so klein. Sie wussten nichts von Verbannung und Flucht. Sie wussten nicht, was es hieß, ausgestoßen zu sein, nichts von dem Mut, lieber mit seiner Familie in einem fremden Land ganz von vorne anzufangen, als sich von einer verlogenen Ideologie die Seele abkaufen zu lassen, selbst wenn man ein einzigartiger Wissenschaftler war, der seinem Land viel hätte geben können, wenn es sein Geschenk denn nur gewollt hätte. Sie wussten nichts von der
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