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Glencoe - Historischer Roman

Titel: Glencoe - Historischer Roman Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Charlotte Lyne
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Zeit ein Knabe von zwölf Jahren gewesen. Neben den anderen nahm er sich wie ein Hänfling aus, er trug zum Gespräch kaum bei und machte weniger her als die Hochländer. Es liegt am Blut, zog es Hill durch den Kopf. Vom Blut her ist der Hochländer massiger als sein Nachbar, er verschlingt mehr Fleisch und hat es schwerer mit der Zivilisation.
    Hill wusste, dass König William auf den kläglich wirkenden Dalrymple größere Stücke hielt als auf beide anderen zusammen, weil er sich ihm verwandt fühlte, Argyll und Breadalbanehingegen gänzlich fremd. Dalrymple hatte Schreibzeug bei sich, balancierte es mit beachtlicher Fertigkeit auf den Schenkeln und warf ab und an Zeilen aufs Papier.
    Hill sah wieder aus dem Fenster. Aus einem Hang sich rötender Heide wuchs in nackter Schwärze ein Felsen, so beeindruckend, dass es ihm die Brust zusammenpresste. Auch wenn er kein schwatzhafter Mann war, musste er den Gefühlen, die ihn übermannten, Luft machen. »Ist es nicht herrlich und gewaltig?«, rief er. »Wo ließe sich je die Allmacht Gottes spüren wie in diesen Bergen? Wo wären wir je so klein, so an dem Platz, der uns gebührt?«
    Kaum verstummt, fühlte er sich wie mit Scham übergossen. Die drei Männer, die ihm zuvor dieselbe freundliche Nichtachtung entgegengebracht hatten wie der Reisetruhe unter der Sitzbank, wandten ihm die Köpfe zu. »Besitzt Ihr ein schwärmerisches Herz, Hill?« Breadalbane furchte die Brauen.
    »Nun«, quetschte Hill heraus, und sein Gestammel versetzte ihn in Zorn. »Ich sprach ja nur von der Demut, die einem die Landschaft einflößt und die schließlich einem Soldaten nicht schlecht ansteht.«
    Der höhnische Zug um Breadalbanes Mund entging ihm nicht, es war jedoch Argyll, der sprach: »So seid Ihr der Ansicht, es bekäme einem Manne wohl, sich klein zu fühlen? Ich, müsst Ihr wissen, denke gegenteilig: Ein Mann, der seinen Weg gehen will, muss in der Lage sein, seine Größe zu spüren und in großen Räumen zu denken. Dieses Land als Beispiel – gefällt es Euch?«
    »›Gefallen‹ ist nicht das treffende Wort.«
    »Da haben wir’s, mein Freund – und mir gefällt es so wenig wie Euch. Es taugt nicht zum Städtebau. Das bisschen, das wächst, macht der Regen nieder, und vom Rindvieh verreckt die Hälfte im Winter, weil das Heu so knapp ist. Wozu also nützt uns das Land?« Argyll machte eine Pause und wechselte einen Blick mit Dalrymple. »Wozu eignet es sich?« »Zur Schafzucht«, antwortete der mager lächelnde Tiefländer.
    »Sehr richtig. Das anspruchslose, nichts als Gras rupfende Schaf dürfte sich hier wie die Made im Speck fühlen. Treiben wir also in Horden Schafe herauf und nehmen uns vom Hochland, was es hergibt. Und wie brauchen wir es dazu? Ich sehe Euch an, was Ihr sagen wollt, mein Herr Viscount, und ich gebe Euch recht: Wir brauchen es leer.«
    »Wie meinen?«, fragte John Hill.
    Breadalbane an seiner Seite entfuhr ein Laut des Erschreckens.
    Argyll lächelte ihnen beiden zu und nickte freundlich. »Ich sagte leer «, wiederholte er.
    War der Himmel den Tag über bleich gewesen, so tauchte ihn die Sonne in Farbe, sobald der Wagen Inverlochy erreichte. Blutrote Scharten klafften wie Wunden in Blauviolett. Nirgendwo auf der Welt konnte der Übergang von Tag zu Nacht so gewaltsam sein – nicht süß und rosenfarben, wie Frauen es liebten, sondern so drohend, dass ein Mann den Blick nicht abwenden konnte, sondern auf einmal begriff, dass er am Ende des Lebensweges stand und sich der Himmel auf ihn niedersenkte.
    Als der Wagen hielt, stöhnte Argyll auf. »Süßer Jesus, was für eine Kegelpartie von einer Reise. Hoffentlich ist wenigstens für unsere Ankunft vorgesorgt. Ich habe nämlich einen Mann mit einer Kompanie dort, der nichts taugt. Gut möglich, dass er uns heute Abend Hafersäcke vorsetzt. Doch seid beruhigt: Für den ärgsten Notfall führe ich ein Quantum eigenen Weines und etwas Fleisch und Backwerk mit mir.«
    Und weshalb vertraut Ihr einem Mann, der nichts taugt, eine Kompanie und letztlich die Garnison an?, hätte Hill gern gefragt, aber Inverlochy war bereits seit dreißig Jahren keine Garnison mehr, und der Anblick, der sich ihm bot, rief ihm dies schmerzlich in Erinnerung. Zwischen funkelnden Wassern und der Grenze, die der Bergriese setzte, duckten sich Gebäude wie geschrumpft, aufgekehrt, ein Häuflein Asche. Hier wehte keinAtem mehr von Hills größter Zeit, seine Spuren hatte Unkraut überwuchert.
    Ja, man hatte ihm mitgeteilt, dass die

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