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Greife nie in ein fallendes Messer

Greife nie in ein fallendes Messer

Titel: Greife nie in ein fallendes Messer Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Friedhelm Busch
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Frick, der zum Börsenguru avancierte gelernte Bäcker, für seine Vorträge über die erfolgreiche Aktienanlage. Reich werden mit Aktien? Nichts leichter als das: Kaufen, was Frick empfiehlt! Ein Hauch von »Butterfahrten« am Neckar! Und alle Veranstaltungen waren ausverkauft – zumindest verkündeten dies die Aufkleber auf seinen allgegenwärtigen Plakaten. Später sollte sein Name häufiger in der Skandalpresse zu finden sein als in Wirtschaftsfachblättern; auf der Invest 2007 aber war er unübersehbar der Publikumsrenner. Als ob es nie einen Neuen Markt mit seinen Enttäuschungen gegeben hätte!
    Waren die Anleger schon wieder auf der Jagd nach dem schnellen und bequemen Geld? Ein Blick in die Statistiken des Deutschen Aktieninstitutes (DAI) zeigt freilich ein anderes Bild. Danach sank seit dem Platzen der Hightech-Blase im Jahr 2001 die Zahl der deutschen Aktionäre kontinuierlich. Auch die Nettoinvestitionen in reine Aktien- oder gemischte Fonds ließen zu wünschen übrig. Ob stattdessen das üppige Geschäft mit Aktien- oder Indexzertifikaten diese Lücken füllte, war nicht eindeutig zu klären.
    Da half kein Lavieren und Lamentieren: Der frustrierte Taxifahrer aus Frankfurt stand nicht allein mit seiner Angst vor dem Risiko der Aktienanlage. Wer sich einmal von der Börse verabschiedet, der kehrt so schnell nicht zurück.
    Dennoch zeigten sich auf der Invest Veranstalter und Aussteller mit dem Besucherandrang zufrieden. Möglich, dass in Deutschland die ersten Kleinanleger sich anschickten, doch wieder auf den fahrenden |280| Börsenzug zu springen, jetzt, nach den leichten Kurseinbrüchen. Aber mehr als Gedankenspielereien waren es wohl nicht, denn nach meinen Beobachtungen galten die meisten Besucherfragen hochspekulativen Anlagemöglichkeiten auf engen und exotischen Märkten, auf die sich private Kleinanleger – zum Glück – nur selten verirren. Rohstoffe waren gefragt, Aktienanlagen auf dem chinesischen Festland oder Devisen zweit- und drittrangiger Schwellenländer. Nach meiner Ansicht waren das überwiegend virtuelle Ausflüge in die große, faszinierende Welt der internationalen Geldanlage.
    Und ich hielt es für gut, wenn dies auch so bliebe, zogen doch am Horizont der internationalen Finanzmärkte immer mehr dunkle Wolken auf, die von kommenden Kursunwettern kündeten. Vielleicht war die ABN AMRO mit meinen Sturmwarnungen nicht besonders glücklich, zumindest fand ich aber bei dem einen oder anderen Zuhörer nachdenkliche Zustimmung. Doch allzu lange mochte mir am Messestand keiner zuhören, wollte man doch den Start der Aktienshow des Börsenlautsprechers Markus Frick nicht verpassen. So ist es halt, Kassandra mag im Grunde niemand, denn der Pessimist ist bekanntlich der größte Mist. Auf dem wächst gar nichts.
    Auch die Trojaner hatten einst gegen ihren Rat das Pferd der Griechen, dieses vermaledeite Geschenk des listigen Odysseus, in ihre Stadt geholt. Der Fluch des abgewiesenen Liebhabers Apollo hatte gewirkt, wonach keiner Kassandras Prophezeiungen glauben würde. Das Ende der tragischen Geschichte ist bekannt.
     
    Kassandra hat heute viele Namen. Und einer davon ist Nouriel Roubini, Professor für amerikanische Nationalökonomie an der Stern University in New York, unter Clinton Berater des damaligen Finanzministers. Zurzeit ist Roubini einer der vielen US-Wirtschaftswissenschaftler, die in zahlreichen Zeitungsinterviews völlig frustriert an ihre vergeblichen Warnungen erinnern, mit denen sie schon vor ein, zwei Jahren die amerikanische Wirtschaft und die Anleger vor kommendem Unheil bewahren wollten.
    Bereits im Spätsommer 2006 sah Roubini die US-Wirtschaft am Rande des Abgrunds. Die damalige Euphorie an der Wall Street verspottete er als »Börsenrallye der Trottel«. Der Reichtum vieler Hausbesitzer |281| sei nur eingebildet, die Immobilienpreise seien so überhöht wie die Aktienwerte während der New-Economy-Blase. Spätestens im Frühjahr 2007 würde alles zusammenkrachen: Häuserpreise, Bauwirtschaft, Konsum und US-Dollar. Kurz gesagt, die amerikanische Wirtschaft taumelte aus seiner Sicht geradewegs in die Rezession.
    Die ironischen Reaktionen auf dieses Katastrophenszenario waren einhellig, in Amerika wie auch bei uns an den europäischen Börsen. Die Ratingagentur Moody’s fasste ihre Kritik an Roubini in einem einzigen Wort zusammen: Möchtegern-Kassandra. Und alle klatschten wir Beifall, denn die nackten Konjunkturzahlen sprachen 2006 in der Tat eine ganz andere

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