Herr des Chaos
leichtem Schnauben ihren Zopf zurecht. Janacy kicherte.
»Wen interessieren denn schon Kleider?« rief Susa atSeen. »Rand sind Kleider ganz gleichgültig.« Susa war ein schmächtiges, unruhiges Mädchen, immer schon leicht erregbar, und jetzt hüpfte sie beinahe auf Zehenspitzen auf und ab. »Alanna Sedai und Verin Sedai haben jede überprüft. Na ja, fast jede...«
»Cilia Coie wollte auch überprüft werden«, warf Marce Eidin, ein stämmiges Mädchen, ein. Rand konnte sich nicht sehr gut an sie erinnern, außer, daß sie ihre Nase immer in ein Buch gesteckt hatte, selbst wenn sie über die Straße ging. »Sie hat darauf bestanden! Und sie hat tatsächlich bestanden, doch dann haben sie ihr gesagt, sie sei zu alt für eine Novizin.«
Susa überging Marce einfach und fuhr fort: »...und wir haben alle bestanden...«
»Wir sind den ganzen Tag und fast die ganze Nacht von Weißbrücke hergefahren«, warf Bode ein. »Es tut so gut, eine Weile am gleichen Ort bleiben zu können.«
»Hast du Weißbrücke gesehen, Rand?« fragte Janacy, ohne darauf zu warten, ob Bode fertig war. »Die Weiße Brücke selbst?«
»...und wir gehen nach Tar Valon, um Aes Sedai zu werden!« beendete Susa ihren Satz mit einem wütenden Blick, der sowohl Bode wie auch Marce und Janacy einschloß. »In Tar Valon!«
»Wir werden nicht sofort nach Tar Valon reisen.«
Die Stimme von der Eingangstür entriß Rand die Aufmerksamkeit der Mädchen, aber die beiden Aes Sedai, die gerade eintraten, winkten nur ab, als ihre Schützlinge sie mit Fragen bestürmten. Die Aufmerksamkeit der Aes Sedai galt in diesem Moment ausschließlich Rand. Sie waren ganz unterschiedliche Frauen, trotz der verbindenden Alterslosigkeit ihrer Gesichter. So konnte man ihr Alter nicht schätzen, aber Verin war klein und mollig, hatte ein breites Gesicht und eine Spur von Grau im Haar, während die andere, und das mußte dann wohl Alanna sein, dunkel und schlank war, eine Frau mit schönem, ein wenig fuchsartigem Gesicht, ganzen Wogen schwarzen Haares und einem Funkeln in den Augen, das von einigem Temperament zeugte. Rote Ränder waren um ihre Augen zu sehen, als habe sie geweint. Rand konnte sich allerdings bei einer Aes Sedai kaum vorstellen, daß sie einmal weinte. Ihr Reitkleid war aus grauer Seide mit grünen Schrägstreifen und wirkte, als habe sie es gerade frisch angelegt, während Verins hellbraunes Kleid leicht verknittert war. Wenn Verin auch nicht soviel Wert auf ihre Kleidung legte, blickten ihre dunklen Augen doch äußerst scharf in die Welt. Ihr Blick haftete so fest an Rand wie Muscheln an einem Stein.
Zwei Männer in mattgrünen Jacken folgten ihnen in den Schankraum, der eine untersetzt und grauhaarig, der andere hochgewachsen, dunkelhaarig und gertenschlank; jeder trug ein Schwert an der Hüfte, und ihre geschmeidigen Bewegungen hätten sie auch ohne die Aes Sedai als Behüter kenntlich gemacht. Sie ignorierten Rand vollständig und beobachteten statt dessen die Aiel und die Männer aus Saldaea mit einer Reglosigkeit, die von großer Beherrschung zeugte. Was die Aiel betraf, rührten sich auch sie nicht, und doch wirkte es, als hätten sie die Schleier erhoben, sowohl die Töchter wie auch die Messerhände, und die Finger der jungen Männer Saldaeas bebten mit einem Mal in der Nähe ihrer Schwertgriffe. Nur Bael und Bashere schienen vollständig entspannt. Die Mädchen bemerkten außer den Aes Sedai überhaupt nichts, aber der fette Wirt spürte die angespannte Stimmung und rang die Hände. Zweifellos sah er vor sich einen zerstörten Schankraum, wenn nicht gar eine zerlegte Schenke.
»Es wird keine Schwierigkeiten geben«, sagte Rand laut und beherrscht zum Wirt und zu den Aiel. Zu allen, wie er hoffte. »Keine Schwierigkeiten, außer Ihr bereitet uns welche, Verin.« Mehrere der Mädchen starrten ihn mit offenem Mund an, weil er so mit einer Aes Sedai sprach, und Larine schnaubte vernehmlich.
Verin musterte ihn mit ihren vogelähnlichen Augen. »Wer sind wir denn, daß wir in Eurer Nähe Schwierigkeiten machen würden? Ihr seid weit gekommen, seit ich Euch das letzte Mal sah.«
Aus irgendeinem Grund wollte er nicht darüber sprechen. »Wenn Ihr euch entschlossen habt, nicht nach Tar Valon zu reisen, habt Ihr bestimmt davon gehört, daß die Burg in sich zerbrochen ist.« Das rief ein überraschtes Gemurmel unter den Mädchen hervor. Sie hatten ohne Zweifel noch nichts davon vernommen. Die Aes Sedai zeigten allerdings überhaupt keine Regung.
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