Herr des Chaos
Seidengewand war sicherlich nicht für einen Kampf geeignet. Schneeweiße Spitzenfalten hätten fast ihre Finger verborgen, wenn sie die Arme gesenkt hätte, und die Röcke waren vorn bis über die Knie gerafft und gaben grünweiße Seidenunterröcke frei, die einen Schritt oder mehr hinter ihr her schleiften. Das mit der gleichen Spitze geschmückte Leibchen lag so eng an, daß Nynaeve nicht wußte, ob es unbequemer wäre, darin zu sitzen oder zu stehen. Ein Kragen aus gewobenem Gold um den Hals der Frau stützte einen in einer weißen Scheide steckenden Hochzeitsdolch, der mit nach unten gerichtetem Heft in dem ovalen Ausschnitt hing.
»Ihr beide müßt Elayne und Nynaeve sein.« Tylin ließ sich auf einem goldüberzogenen Stuhl nieder und richtete sorgfältig ihre Röcke, ohne den Blick von ihnen abzuwenden. Ihre Stimme klang tief, melodisch und gebieterisch. »Ich hörte, es sei noch eine dritte dabei. Aviendha?«
Nynaeve und Elayne wechselten Blicke. Sie waren nicht aufgefordert worden, sich hinzusetzen. Nicht einmal eine Augenbewegung in Richtung eines Stuhles war erfolgt. »Sie ist keine Aes Sedai«, begann Elayne ruhig.
Tylin unterbrach sie, bevor sie mehr sagen konnte. »Und Ihr seid es? Ihr seid bestenfalls achtzehn Jahre alt, Elayne. Und Ihr, Nynaeve, die Ihr mich anseht wie eine Katze, die man am Schwanz festhält, wie alt seid Ihr? Zweiundzwanzig? Vielleicht dreiundzwanzig? Gütiger Himmel! Ich besuchte einst Tar Valon und die Weiße Burg. Ich bezweifle, daß jemals eine Frau Eures Alters diesen Ring an ihrer rechten Hand getragen hat.«
»Sechsundzwanzig!« fauchte Nynaeve. Da ein großer Teil der Frauen, die sie für zu jung hielten, um eine Seherin zu sein, in Emondsfeld zurückgeblieben waren, hatte sie sich angewöhnt, mit jedem Namensgebungstag zu prahlen, den sie beanspruchen konnte. »Ich bin sechsundzwanzig und eine Aes Sedai der Gelben Ajah.« Sie erschauerte bei diesen Worten noch immer vor Stolz. »Elayne mag vielleicht erst achtzehn sein, aber sie ist ebenfalls eine Aes Sedai, eine Aes Sedai der Grünen Ajah. Glaubt Ihr, daß Merilille oder Vandene uns diese Ringe nur zum Vergnügen tragen ließen? Viele Dinge haben sich geändert, Tylin. Der Amyrlin-Sitz, Egwene al'Vere, ist nicht älter als Elayne.«
»Tatsächlich?« fragte Tylin mit tonloser Stimme. »Das hat man mir nicht gesagt. Die Aes Sedai, die mich seit dem Tag meiner Krönung berät und vor mir auch schon meinen Vater beraten hat, ist ohne Erklärung zur Burg aufgebrochen. Ich erfahre, daß die Gerüchte, die Burg würde sich spalten, der Wahrheit entsprechen. Drachenverschworene scheinen aus dem Boden zu wachsen scheinen. Eine Amyrlin wird gewählt, um sich Elaida und einem versammelten Heer unter einem der großartigsten Befehlshaber in Altara entgegenzustellen, bevor ich davon erfahre. Wenn all das geschieht, könnt Ihr nicht von mir erwarten, von Überraschungen begeistert zu sein.«
Nynaeve hoffte, daß ihr Gesichtsausdruck ihr Gefühl der Übelkeit nicht preisgab. Warum konnte sie nicht lernen, gelegentlich den Mund zu halten? Sie erkannte jäh, daß sie die Wahre Quelle nicht mehr spürte. Zorn und Verlegenheit paßten nicht gut zusammen. Aber es war vermutlich besser so. Wenn sie die Macht lenken könnte, würde sie vielleicht einen noch größeren Narren aus sich machen.
Elayne versuchte sogleich, die Dinge wieder geradezubiegen, »Ich weiß, daß Ihr dies schon zuvor gehört habt«, belehrte sie Tylin, »aber laßt mich nach Merilille und den anderen auch meine Entschuldigungen aussprechen. Ohne Erlaubnis ein Heer innerhalb Eurer Grenzen zu erheben, war unvernünftig. Ich kann nur sagen, daß die Ereignisse schnell voranschritten und wir in Salidar aufgehalten wurden, aber das ist keine wirkliche Entschuldigung. Ich schwöre Euch, Altara sollte kein Schaden zugefügt und der Thron der Winde nicht beleidigt werden. Noch während wir miteinander sprechen, führt Gareth Bryne das Heer im Norden aus Altara hinaus.«
Tylin sah sie unbewegt an. »Ich habe zuvor kein Wort der Entschuldigung gehört. Aber jeder Herrscher Altaras muß lernen, Beleidigungen von größeren Mächten ohne Murren hinzunehmen.« Sie atmete tief ein und vollführte mit schwingenden Spitzen eine Handbewegung. »Setzt Euch, setzt Euch. Ihr beide. Ruht Euch auf Eurem Dolch aus und laßt Eurer Zunge freien Lauf.« Ihr plötzliches Lächeln kam einem Grinsen sehr nahe. »Ich weiß nicht, wir Ihr es in Andor ausdrückt. Fühlt Euch wie zu Hause und
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