Idol
Monaten«, sage ich leise, »erklärte im Salon der Monteverdi irgendein Dummkopf, der nur Binsenweisheiten
von sich geben konnte, Vittoria Peretti sei zweifelsfrei die schönste Frau in ganz Italien. Recanati war auch da – du kennst
ihn ja, nichts als Äußerlichkeiten, Eitelkeit und Angeberei und kaum Verstand genug, um rechts und links auseinanderzuhalten.
Kurz, dieser verrückte Kerl fühlte sich durch das Loblied auf Vittoria gereizt und sagte in seiner typischen blasierten Art:
›In der Tat, Vittoria ist schön, zu schön, so schön, daß sie eines Tages zur Metze werden wird.‹ Er hatte mich nicht gesehen,
denn ich war durch eine kleine Palme verdeckt. Ich stürzte mich auf ihn, man trennte uns. Am nächsten Tag ließ ich ihm meine
Herausforderung zum Duell überbringen. Er antwortete, er sei von zu altem Adel, um sich mit mir zu schlagen.«
»Wie?« fragt Margherita, »adelig, er?«
»Nicht mehr als ich. Seine Weigerung war reine Feigheit. Und das hat ihn nun das Leben gekostet, seine Feigheit samt seiner
dummen Überheblichkeit, die ihn glauben machte, ich |63| würde nicht wagen, ihn zu erdolchen. Als ich es ihm durch
il mancino
ankündigen ließ, hat er gelacht.«
»Und was wird nun passieren?« fragte Margherita. »Ich weiß nicht. Ist auch unwichtig. Stell mir keine Fragen. Hätte Recanati
meine Herausforderung angenommen, hätte ich ihn nur am Arm verwundet. Seine Dummheit verdiente nicht mehr.«
Wir hörten die Terrassentür aufgehen, Margherita zuckte zusammen und fragte:
»Bist du es, Maria?«
»Ja, ich bin’s, Signora.
Il mancino
möchte zu Signor Marcello. Er sagt, es sei wichtig. Sehr wichtig.«
»Schon!« rief Margherita.
Sie erbleichte, warf mir nur einen einzigen Blick zu und fiel in ihr Schweigen und ihre Unbeweglichkeit zurück. Ich fühlte
mich wie losgelöst von meinem eigenen Leben, heiter und gelassen. Ich zog mich an und stieg die Wendeltreppe zum Innenhof
hinab, wo
il mancino
auf und ab ging, wie üblich leicht schief und mit den Augen ständig auf der Lauer.
»Was willst du von mir?«
»Euch raten, Signore, dieses Haus zu verlassen und Euch in den Palazzo Rusticucci zu begeben.«
Wenn
il mancino
spricht, sieht er einem niemals ins Gesicht, sondern starrt auf den Gürtel, auf die Stelle, wo die Börse befestigt ist, als
wöge er sie ab.
»Warum?«
Dieses »warum« ließ den
mancino
aufseufzen. Er war wortkarg, obwohl er stolz war, sich in gutem Italienisch auszudrücken und nicht in der Mundart der Fischer
von Grottammare. Aus seinen langen Auseinandersetzungen mit der Corte hatte er die simple Erkenntnis zurückbehalten, daß Schweigen
Gold ist.
»Die Signora Sorghini«, sagte er in seiner höflichen Art, »ist gewiß eine begüterte Witwe, aber sie verfügt nicht über die
notwendigen Beziehungen. Ihr Wohnsitz ist folglich nicht unverletzlich, wohingegen der Bargello es sich zweimal überlegen
wird, ob er den Palazzo Rusticucci durchsuchen läßt, da Euer Schwager ja der Sohn eines Kardinals ist.«
»Du denkst also, der Bargello könnte Lust bekommen, den Palazzo Rusticucci zu durchsuchen?«
|64| »Gewiß, Signore, wenn Ihr dort seid.«
»Wie das?«
Il mancino
betrachtete schweigend meine Börse, und ich begann, sie aufzuknoten. Diese Geste entging ihm nicht und machte ihn plötzlich
sehr gesprächig.
»Heute nachmittag«, fuhr er fort, »hat der Bargello Maria-Magdalena, genannt
la Sorda
1 , verhört. Sie ist nicht wirklich taub. Sie tut nur so. Dadurch kann sie ihre Kunden ausnehmen und sie nachträglich mehr bezahlen lassen als den vereinbarten
Preis. Sie ist nämlich gewerbsmäßige Dirne«, fügte er verschämt hinzu.
»Mach’s kurz!« unterbrach ich ihn.
»Wir haben genug Zeit«, sagte
il mancino
. »Der Bargello hat in Eurer Angelegenheit den Gouverneur um Audienz gebeten, Signore, und bei dem warten eine Menge Leute.«
»Mach’s trotzdem kurz! Wenn man bedenkt, daß ich dich immer für wortkarg gehalten habe!«
»Das bin ich auch, Signore, doch mit Eurer gütigen Erlaubnis und in diesem Fall möchte ich doch, daß Ihr für Euer gutes Geld
gut bedient werdet.
La Sorda
wurde vom Bargello wegen ihres Streits mit einem Kunden verhört, als jemand in die Räume der Corte gestürzt kam und dem Bargello
mitteilte, er habe mit eigenen Augen den ermordeten Recanati gesehen und kenne den Mörder. Der Bargello schien von dieser
Nachricht stark beunruhigt. Er schickte die Sorda weg, und die rannte sofort zum
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