Idol
›Ölberg‹«.
»Dort meditierst du also?«
»Dort trinke ich, Signore. Das ist eine Taverne.«
»Und diese Sorda ist eine von deinen Freundinnen?«
»Ach was, Signore!« rief
il mancino
entrüstet. »Ich verkehre doch nicht mit solchem Abschaum. Aber die Sorda kennt den großen Respekt, den ich Euch entgegenbringe.«
»Und sie hat dir diese Information gegeben?«
»Sie hat sie mir nicht gegeben, Signore, sie hat sie mir für fünfzig Piaster verkauft.«
»Du bekommst hundert Piaster,
mancino
, wenn du als Kundschafter bis zum Palazzo Rusticucci vor mir hergehst.«
»Signore«, antwortete
il mancino
, »vielen Dank für Eure |65| Großzügigkeit. Doch ich habe nichts von Euch verlangt. Ich tat es aus Freundschaft für Euch.«
»Bei mir ist es auch nur Freundschaft für dich.«
Am Portal zum Palazzo Rusticucci war keine Falle für mich aufgestellt, was beweist, daß der Bargello mit dem Gouverneur noch
über mein Schicksal beriet. Damit mich jedoch der Wächter nicht sehe und also auf Befragen auch nichts aussagen könne, trat
ich durch eine kleine Hinterpforte ein, zu der ich den Schlüssel besaß.
Il mancino
folgte mir, denn unser Wohnsitz war einer seiner Zufluchtsorte geworden, seitdem Francesco Peretti ihn unter seinen Schutz
genommen hatte.
Die erste Person, der wir im Hof begegneten, war die Schwester des
mancino
, die bei unserem Anblick abwechselnd rot und blaß wurde, sich in die Arme ihres Bruders warf und ihm in ihrem Heimatdialekt,
den ich nicht verstehe, eine lange Predigt hielt, wobei sie mir heimlich glühende Blicke zuwarf. Ich drehte meinen Kopf weg
und zeigte mein Profil, aber das half nichts. Meine Wange schmerzte förmlich unter ihren Blicken. Caterina Acquaviva ist bestimmt
die schlimmste von allen Kraken dieser Welt. Giulietta sagt, sie sei »frisch und lebendig wie ihr Name«, doch vor meinem geistigen
Auge sehe ich sie nicht wie eine Quelle, sondern eher wie einen glühenden Backofen. Außerdem mißfällt mir die Art, wie sie
ihren Busen zur Schau stellt.
Ich befahl ihr knapp, Vittoria meinen Besuch zu melden, und sie verschwand mit wippendem Hinterteil, wie ich es bei ihr gewohnt
bin. Es ist erstaunlich, wie stolz diese Äffin auf ihren kleinen Körper ist. Ich zwang mich, sie nicht mit Blicken zu verfolgen.
Sie hätte es gespürt.
Ich erzählte Vittoria alles. Sie errötete, als ich ihr Recanatis Worte wiederholte, doch das blieb ihre einzige Reaktion.
Nachdem ich geendet hatte, lief sie, Francesco Bericht zu erstatten, der umgehend seine Pferde satteln ließ, um beim Papst
um Audienz zu bitten.
Gregor XIII. hörte Francesco geduldig an. Sosehr er Montalto haßte, so sehr liebte er den Neffen, vielleicht weil diesem ganz
offensichtlich alles Geniale abging.
»Seit jeher«, sagte der Papst, »haben sich in diesem Land die Brüder ebenso beleidigt gefühlt wie die Ehemänner, wenn die
Ehre ihrer Schwester in Frage gestellt schien. Dieser junge |66| Mann hat also nichts Unverzeihliches begangen. Sagt ihm, er solle beten und bereuen. Ihm wird deswegen nicht vergeben. Doch
wenn er keinen weiteren Mord begeht, wird ihn die Corte in Frieden lassen.«
Seine Milde, obwohl in Rom gerühmt, rührte mich nicht: sie hatte nichts vom Geist des Evangeliums. Wenn Gregor XIII. nicht
wußte, wie er sich entscheiden sollte, versuchte er sich vorzustellen, was Montalto an seiner Stelle täte. Im vorliegenden
Fall war die Sache klar: Montalto hätte mich festgenommen, verurteilt und gehängt. Gregor XIII. tat das Gegenteil mit einem
Vergnügen, das ich durchtrieben nennen würde, wenn er nicht Pontifex maximus wäre.
[ Menü ]
|67| KAPITEL III
Monsignore Rossellino (il bello muto):
Jeden Morgen und jeden Abend danke ich der göttlichen Vorsehung für meinen Sturz auf den Stufen zum Vatikan und die daraus
resultierende Stummheit: auf solche Weise hat sie mich meinen Erfolgen in der Gesellschaft und den Gefahren dieser Welt entrissen
und mich bei einem Meister in Dienst gestellt, der – so streng er mitunter ist (doch ist er es nicht auch gegen sich selbst?)
– unermüdlich zum höchsten Ruhme Gottes und der Kirche wirkt.
Gleichwohl hielte ich es für einen Irrtum, hinter allen Wechselfällen des Lebens, großen und kleinen, die Hand unseres Erlösers
zu sehen. Satan ist mitnichten so schwach, daß er nicht sein Teil beisteuern könnte zu den Begegnungen und Fügungen, die die
Seelen gefährden und die Gott in seiner Allmacht zuläßt, um
Weitere Kostenlose Bücher