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Idol

Idol

Titel: Idol Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: R Merle
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stand vor ihrem Lager und betrachtete sie, ohne daß sie gewagt hätte, die Augen zu öffnen. So liebte ich sie: hingegeben,
     ausgeliefert, gefügig. Wortlos warf ich mich auf sie und nahm sie. Bald spürte ich, daß sie, entgegen den von mir verfügten
     Regeln, heimlich kleine Beckenbewegungen machte, um ihren Höhepunkt zu erreichen. Doch ich war selbst jenseits aller Worte,
     wie fortgerissen von meiner durch nichts aufzuhaltenden Lust. Ich ergoß meinen Samen. Sie stieß einen kurzen spitzen Schrei
     aus, auf den ein Mauersegler über unseren Köpfen zu antworten schien.
    Ich ließ mich von ihrem Lager auf die Matte gleiten, die den Fliesenboden des Zeltes bedeckte, denn ich wollte die körperliche
     Berührung nicht unnötig verlängern. Dabei hatte ich fast Gewissensbisse, weil ich doch wußte, daß Margherita von allen meinen
     Regeln diese eine besonders widerstrebend akzeptierte. Giulietta behauptet, da ich meine Mutter zu einem Gegenstand |61| des Hasses, meine Schwester zu einem Gegenstand der Anbetung gemacht habe, wisse ich nun nicht, wie ich mich anderen Frauen
     gegenüber verhalten solle, und hätte in Wirklichkeit Angst vor ihnen. Aber ich weiß nicht, ob ich mich in diesem Punkt auf
     ihren »gesunden Menschenverstand« verlassen kann. Was hat sie denn für Erfahrungen in der Liebe? Obendrein ist ihr Urteil
     befangen. Sie liebt mich nämlich. Dieses »sie liebt mich« setze ich in Anführungsstriche. Ich hasse diese klebrigen Worte.
    Da Margherita mich beherbergt, mich ernährt und kleidet, tuschelt ganz Rom, ich zöge ihr das Fell über die Ohren. Die Leute
     würden das auch laut sagen, fürchteten sie nicht meinen Degen. Aber dieses Urteil – schon wieder eins! – hat so wenig mit
     der Wirklichkeit zu tun, daß es mich kaum berührt. Hätte Recanati nur dies gesagt – nie und nimmer hätte ich mir die Mühe
     gemacht, ihn zu töten.
    Ich verlange nichts von Margherita. Sie überhäuft mich mit Geschenken in der Sorge, ihren jungen Liebhaber an sich zu binden.
     Doch sie täuscht sich: ich bin ohnehin an sie gebunden. Selbst wenn mir ein hübsches junges Ding die gleichen Vorteile böte,
     würde ich um nichts auf der Welt meine alte Geliebte gegen sie eintauschen.
    Ich sitze auf der Matte, schweißüberströmt, mit dem Rücken an das Lager gelehnt, den Nacken auf ein Kissen gestützt, das Margherita
     mir sofort untergeschoben hat, und komme langsam wieder zu Atem. Ich drehe mich um und sehe, daß ihre Finger um Daumesbreite
     mein Haar berühren, und ich spüre ihr brennendes Verlangen, es zu streicheln, was sie mitunter tut, wenn ich sie nehme, denn
     ich bin dann zu angespannt, um sie daran zu hindern. Ich betrachte ihre Finger mit den schweren Ringen, die ich manchmal an
     meine Hände stecke. Ich bewundere die Juwelen. Sie würde sie mir schenken, wenn ich sie darum bäte. In diesem Augenblick wird
     mir bewußt, daß sich das Alter nicht so sehr durch die Gesichtszüge, sondern viel mehr durch die Hände verrät. Margheritas
     Körper ist zehn Jahre jünger als ihr Gesicht und dieses wiederum zehn Jahre jünger als ihre Hände. Ich beuge meinen Kopf nach
     rechts und küsse ihre Hand, was ich sofort bereue. Ich habe gespürt, wie sie hinter meinem Rücken ob dieser ungewohnten Huldigung
     erschauerte.
    |62| Ich sage trocken: »Nimm deine Hand da weg!« und fahre im gleichen Atemzug fort: »Ich habe Recanati getötet.«
    Margherita zieht ihre Hand zurück, seufzt und sagt mit erstickter Stimme: »Das dachte ich mir schon.«
    Doch gehorsam wie immer – wenigstens dem Anschein nach –, stellt sie keine Fragen. Ich denke oft, daß diese Unterwerfung unter
     meine Regeln für sie nichts weiter als ein Spiel ist, perfekt von ihr beherrscht; genauso würde sie einem Liebhaber Koketterie
     vorspielen, wenn er das wünscht. Denn obwohl sie das Fragen unterläßt: ihr Schweigen selbst ist eine einzige Frage. Sie weiß
     genau, daß ich in diesem Moment das dringende Bedürfnis empfinde, mich anzuvertrauen. Wer also wird von meinen Regeln beherrscht?
     Sie oder ich?
    »Willst du wissen, warum, Margherita?«
    »Ja.«
    Nichts ist korrekter, nichts entspricht meinen Regeln mehr als dieses »ja«. Und wäre da nicht ein unterdrücktes Zittern in
     ihrer Stimme, könnte ich glauben, sie mokiere sich über mich. Doch nein. Ich wette, sie ist schon dabei, die vielleicht unüberwindlichen
     Schwierigkeiten abzuschätzen, die dieser Mord für unsere Beziehung mit sich bringen wird.
    »Vor zweieinhalb

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