Illuminati
andere als schnell erzählt. Ich friere mich zu Tode bei dem Versuch, es zu erklären. Er starrte einmal mehr auf das Brandmal und spürte, wie erneut Ehrfurcht in ihm aufstieg.
Obwohl in der modernen Symbolologie zahllose Berichte über das Wappen der Illuminati existierten, hatte noch kein Forscher es tatsächlich zu Gesicht bekommen. Einige Dokumente beschrieben das Symbol als ein »Ambigramm« – ambi bedeutete allseitig und hieß, dass man es in beide Richtungen lesen konnte. Ambigramme waren in der Symbolologie weit verbreitet, Swastikas, Yin Yang, jüdische Sterne, symmetrische Kreuze – die Vorstellung allerdings, dass ein Wort in einem Amb igramm dargestellt werden konnte, erschien völlig absurd. Moderne Symbolologen hatten jahrelang versucht, das Wort »Illuminati« als Ambigramm darzustellen und waren kläglich gescheitert. Die meisten Akademiker waren zu dem Schluss gelangt, dass die Existenz des Symbols nur ein Mythos war.
»Wer sind nun diese Illuminati?«, wollte Kohler wissen. Ja, dachte Langdon. Wer sind sie? Er begann seine Geschichte zu erzählen.
»Seit Anbeginn der Zeit«, erklärte Langdon, »hat es eine tiefe Kluft gegeben zwischen Wissenschaft und Religion. Namhafte Forscher wie Kopernikus…«
»… wurden ermordet!«, rief Kohler dazwischen. »Ermordet von der Kirche, weil sie wissenschaftliche Wahrheiten enthüllt hatten. Schon immer hat die Religion die Wissenschaft verfolgt!«
»Ja. Doch um das Jahr 1500 herum gab es in Rom eine Gruppe von Männern, die sich gegen die Kirche wehrten. Einige von Italiens klügsten Köpfen – Physiker, Mathematiker und Astronomen – trafen sich heimlich, um sich wegen der unrichtigen Lehren der Kirche auszutauschen. Sie fürchteten, dass das kirchliche Monopol auf die ›Wahrheit‹ den weltweiten akademischen Fortschritt behindern könnte. Also gründeten sie die erste wissenschaftliche Denkfabrik in der Geschichte der Menschheit und nannten sich ›die Erleuchteten‹.«
»Die Illuminati.«
»Ganz recht«, erwiderte Langdon. »Die gebildetsten Köpfe Europas… die sich der Suche nach der wissenschaftlichen Wahrheit verschrieben hatten.«
Kohler sagte nichts.
»Selbstverständlich wurden die Illuminati erbarmungslos von der katholischen Kirche verfolgt. Nur durch extreme Sicherheitsvorkehrungen konnten sich die Wissenschaftler schützen. Die Nachricht verbreitete sich im akademischen Untergrund, und die Bruderschaft der Illuminati wuchs, bis Gelehrte aus ganz Europa zu ihr gehörten. Sie trafen sich regelmäßig in einem geheimen Unterschlupf in Rom, den sie Kirche der Erleuchtung nannten.«
Kohler hüstelte und verlagerte sein Gewicht im Rollstuhl.
»Viele der Illuminati wollten der Tyrannei der Kirche mit Gewalt begegnen«, fuhr Langdon fort, »doch das geachtetste Mitglied von allen überzeugte sie davon, dass das falsch sei. Er war Pazifist und einer der berühmtesten Wissenschaftler der Geschichte.«
Langdon war sicher, dass Kohler den Namen kannte. Selbst Laien hatten von dem unglückseligen Astronomen gehört, der verhaftet und beinahe hingerichtet worden wäre, weil er behauptet hatte, dass die Sonne und nicht die Erde der Mittelpunkt des Sonnensystems sei. Obwohl seine Beweise unumstößlich waren, wurde er hart dafür bestraft, dass er mit seinen Behauptungen angedeutet hatte, Gott könnte die Menschen woanders als im Zentrum Seines Universums erschaffen haben, »Sein Name war Galileo Galilei«, schloss Langdon.
Kohler blickte auf. »Galileo?«
»Ja. Galileo war ein Illuminatus. Und er war ein gläubiger Katholik. Er versuchte die Position der Kirche aufzuweichen, indem er behauptete, Wissenschaft würde die Existenz Gottes nicht unterminieren, sondern vielmehr zementieren. Er schrieb, dass er beim Blick durch das Teleskop auf die sich drehenden Planeten Gottes Stimme in der Musik der Sphären hören könne. Er war überzeugt, dass Wissenschaft und Religion Alliierte statt Feinde sein sollten – zwei verschiedene Sprachen, die die gleiche Geschichte erzählten, eine Geschichte von Symmetrie und Ausgewogenheit… Himmel und Hölle, Tag und Nacht, heiß und kalt, Gott und Satan. Wissenschaft und Religion vereinigt in göttlicher Symmetrie… dem endlosen Widerstreit von Gut und Böse.« Langdon zögerte. Er stampfte mit den Füßen auf, um warm zu bleiben.
Kohler saß in seinem Rollstuhl und starrte ihn abwartend
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