Im Rausch der Freiheit
und zwar auf Neapolitanisch, damit er das auch verstand, und Salvatore antwortete ihm so laut, dass der Mann lächelte. Als er jedoch Paolo nach seinem Namen fragte, musste Paolo erst mal husten, bevor er antworten konnte. Der Mann schwieg und malte Paolo mit blauer Kreide ein Zeichen auf die Brust. Und einen Augenblick später führte einer der Männer ihn weg. Seine Mutter wurde sehr aufgeregt.
»Was tun Sie da?«, rief sie aus. »Wo bringen Sie meinen Sohn hin?«
»Zum Arzt«, sagte man ihr, »aber machen Sie sich keine Sorgen.« Einer der Männer forderte Salvatore auf, tief einzuatmen, und er blähte seine Brust, und einen Moment später nickte der Mann und lächelte. Danach inspizierte ein anderer Mann seine Kopfhaut und seine Beine. Es dauerte eine Weile, bis sie alle untersucht worden waren, aber endlich sagten sie seiner Mutter, dass sie alle weitergehen könnten.
»Ich warte hier, bis Sie mir meinen Sohn zurückgeben«, entgegnete sie. Doch man erklärte ihr: »Sie müssen im Meldebüro warten.« Und da blieb ihr nichts anderes übrig, als zu gehorchen.
In das Meldebüro gelangte man durch eine große Doppeltür. Salvatore kam sich wie in einer Kirche vor – und tatsächlich war der riesige Raum mit seinem rot gefliesten Fußboden, seinen Seitenschiffen, seinen hoch aufragenden Wänden, seiner tonnengewölbten Decke eine exakte Nachbildung der romanischen Basiliken, die man überall in Italien antraf. Rund zwanzig Fuß über ihren Köpfen verlief rund um den Raum eine eiserne Empore, von der aus weitere Amtspersonen sie ebenfalls beobachteten. Am hinteren Ende der Halle sah er eine Reihe von vierzehn Schaltertischen, vor denen lange Menschenschlangen zwischen Trenngittern warteten.
Sie schauten sich um, aber Paolo war nirgendwo zu sehen.
Sie entdeckten einen Mann, mit dem sie auf dem Schiff gesprochen hatten. Er war ein Schulmeister, ein gebildeter Mann. Als er sie erkannte, lächelte er und kam näher, und Concetta erzählte ihm, was mit Paolo passiert war.
»Er hat einfach nur Husten«, sagte sie. »Es ist nichts. Warum haben sie ihn mitgenommen?«
»Machen Sie sich keine Sorgen, Signora Caruso«, erwiderte der Schulmeister. »Es gibt hier ein Hospital.«
»Ein Hospital?« Seine Mutter machte ein entsetztes Gesicht. Wie die meisten Frauen in ihrem Dorf war sie davon überzeugt, dass niemand aus einem Hospital wieder lebendig herauskam.
»In Amerika ist es anders«, sagte der Schulmeister. »Hier heilen sie die Menschen. Sie lassen einen nach ein, zwei Wochen wieder heraus.«
Concetta, nach wie vor nicht überzeugt, schüttelte den Kopf. »Und wenn die Paolo wieder zurückschicken …«, sagte sie. »Er kann doch nicht allein zurück …«
Salvatore sagte sich, dass es in Amerika ohne Paolo nicht so lustig werden würde. »Wenn Paolo zurückmuss«, fragte er, »darf ich dann mit ihm?«
Seine Mutter stieß einen Schrei aus und rang die Hände vor der Brust. »Jetzt will mein Jüngster seine Familie verlassen?«, gellte sie. »Liebt er denn seine eigene Mutter nicht?«
»Doch, doch, Signora«, beschwichtigte sie der Schulmeister. »Er meint es nicht so. Er ist doch nur ein kleiner Junge.«
Aber die Mutter hatte sich von Salvatore abgewandt.
»Da!«, rief Anna.
Es war Paolo, zusammen mit Giuseppe und ihrem Vater.
»Wir haben auf ihn gewartet«, erklärte Giovanni Caruso seiner Frau.
Paolo sah sehr mit sich zufrieden aus. »Ich war bei drei Ärzten«, sagte er stolz. »Sie wollten, dass ich einatme und huste, und sie haben mir in den Hals geguckt. Und zwei haben meine Brust abgehorcht und einer meinen Rücken.«
»Dann bist du also gerettet?«, rief seine Mutter. »Sie haben dich nicht mitgenommen?« Sie schloss ihn in die Arme, drückte ihn an ihren Busen, ließ ihn dann los und bekreuzigte sich. »Wo ist Luigi?«, fragte sie.
Giovanni Caruso zuckte die Achseln. »Ich weiß nicht. Wir sind getrennt worden.«
Salvatore wusste, was passiert war. Die Doktoren vom Irrenhaus verhörten Onkel Luigi gerade. Aber er sagte nichts.
Die Familie stellte sich in eine Reihe vor den Schaltern. Es dauerte lange, bis sie weiter vorrückten – und von Onkel Luigi war noch immer nichts zu sehen. Endlich näherten sie sich den großen Tischen, wo die Beamten warteten, manche sitzend, manche dicht hinter den anderen stehend.
»Die Männer dahinter sind die Dolmetscher«, flüsterte sein Vater. »Sie beherrschen alle Sprachen der Welt.«
Als sie den Tisch erreichten, sprach der Mann Giovanni auf
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