Im Rausch der Freiheit
muss jetzt deine Großmutter abholen.«
Als sie das Haus an der 54th Street verließ, trug sie einen Hut, an dessen Krempe eine Straußenfeder prangte, und einen mit Fuchspelz besetzten Mantel. Sie konnte sich dazu gratulieren, dieses Haus gefunden zu haben. Es stand zwischen der Fifth und Madison Avenue, ein bisschen näher an letzterer, also nur ein paar Blocks unterhalb des Central Parks, und nicht weit entfernt von den Palästen der Vanderbilts an der Fifth. Die Querstraßen waren ideale Wohngebiete.
Sie hatte es, als sie noch auf der Suche war, sofort gespürt. Der Charakter der Fifth würde sich verändern – nicht weiter oben am Park, aber hier unten, an der großen eleganten Schnittstelle verschiedener Boulevards. Und tatsächlich trat, nur wenige Jahre nach dem Kauf, die Veränderung ein.
Hotels. Das St. Regis und das Gotham. Luxushotels, gar keine Frage, aber doch Hotels, an Fifth und 55th. Im Block darüber entstand jetzt ein Geschäftsgebäude. Gerüchten zufolge plante Cartier, der Pariser Juwelier, dort eine Filiale zu eröffnen. Nichts hätte eleganter sein können, aber es war eben kein Wohnhaus. Die Querstraßen aber waren etwas ganz Anderes; sie würden reine Wohnviertel bleiben.
Ein paar Haustüren weiter wohnten die Moores. Er war ein reicher Anwalt, und sie bewohnten ein schönes fünfgeschossiges Kalksteingebäude, drei klassische Fenster breit, mit einem von Geländern und Laternen flankierten mittigen Eingang und einem skulptierten steinernen Balkon in der Beletage. Das mastersche Haus war eines von mehreren Sandsteingebäuden im selben Block mit einer schmaleren, steilen Außentreppe. Mit Sicherheit nicht so schön, aber durchaus eindrucksvoll.
Rose hielt ein wachsames Auge auf den mooreschen Haushalt, der ihr als Messlatte diente. Die Moores beschäftigten neun Bedienstete, William und Rose sechs: einen schottischen Butler, eine englische Kinderfrau, während die übrigen Dienstboten Iren waren. Zweimal die Woche gingen die Kinder durch den Central Park zu Durland’s Riding Academy an der West 66th. Insofern war sie, als sie die Vortreppe hinunterstieg, alles in allem von einem Gefühl der Zufriedenheit erfüllt.
Hätte sie allerdings geahnt, mit welcher Überraschung Hetty Master auf sie wartete, sie wäre schnurstracks ins Haus zurückgekehrt.
So aber lächelte sie. Denn vor ihr stand, strahlend wie Helios’ Sonnenwagen, eine neue Errungenschaft, durch die sich die Masters selbst von den reichsten Familien New Yorks abhoben. Der Chauffeur hielt ihr den Schlag auf, und sie stieg ein.
»Ich bin daran völlig unschuldig!«, pflegte sie mit einem Lachen auszurufen. »Das ist die kleine Verrücktheit meines Mannes.«
Zu sagen, dass William Master ein Automobilfanatiker war, wäre eine glatte Untertreibung gewesen. Die letzten zwanzig Jahre brachten gewaltige Veränderungen in der Stadt: die leiseren Kabelstraßenbahnen, die auf der Third und dem Broadway verkehrten, die Umrüstung der El-Züge auf Elektrizitätsbetrieb. Ja, sogar die von Pferden gezogenen Droschken wurden zunehmend durch motorisierte Droschken mit Taxametern ersetzt. Private Automobile waren allerdings nur etwas für die Reichen.
Trotzdem gab es durchaus eine Reihe verschiedener Fabrikate, zwischen denen man wählen konnte – vom Oldsmobile »Curved Dash«, dem ersten serienmäßig gefertigten Automobil, über den kostspieligeren Cadillac, so genannt nach dem französischen Aristokraten Antoine Laumet, Sieur de Cadillac, der 1701 die Stadt Detroit gegründet hatte, bis hin zu den vielen Ford-Modellen. William Master kannte sie alle. Er konnte sich fachkundig darüber verbreiten, inwiefern Fords Spitzenmodell K, das den unglaublichen Preis von zweitausendachthundert Dollar kostete – mehr als achtmal so viel wie ein Oldsmobile –, der europäischen Konkurrenz von Mercedes und Benz auf der Rennstrecke überlegen war. Und dieses Frühjahr hatte ihn eine Meldung aus Großbritannien in helle Aufregung versetzt.
»Der neue Rolls-Royce ist auf dem Markt – Claude Johnson hat ihn in Schottland geprüft, und die Resultate sind erstaunlich. Autocar schreibt, es sei der beste Kraftwagen der Welt. Und er ist so leise, dass Johnson sein eigenes Exemplar Silver Ghost getauft hat. Bislang sind nur eine Handvoll davon fertiggestellt, aber jeder wird einen besitzen wollen. Jedenfalls jeder«, hatte er mit einem Lächeln hinzugefügt, »der ihn sich leisten kann.«
»Was kostet er?«
»Nun, Rolls-Royce verkauft Chassis und
Weitere Kostenlose Bücher