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Joseph und seine Brüder: Vier Romane in einem Band (Fischer Klassik Plus) (German Edition)

Joseph und seine Brüder: Vier Romane in einem Band (Fischer Klassik Plus) (German Edition)

Titel: Joseph und seine Brüder: Vier Romane in einem Band (Fischer Klassik Plus) (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Thomas Mann
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Rahel«, sagte Jaakob, »und dienen um ihretwillen, damit sie ein weicher Leben habe. Ich bin ein Hirte von Hause aus und verstehe mich auf die Zucht und will’s wohl recht machen. Ich habe nicht gemeint, den Lungerer abzugeben vor dir und das unnütze Maul; aber da ich höre, daß es für Rahel ist, dein Kind, und daß ich kann einsetzen für sie die Kraft meiner Mannesarme, so bin ich zum Dienen noch einmal so willig.«
    »So?« fragte Laban und blinzelte schwer, mit hängendem Mundwinkel, zu ihm hinüber. »Gut«, sagte er. »Du mußt es wohl oder übel, nach den Zwängen des Wirtschaftslebens. Wenn du’s aber gern tust, so ist das ein Vorteil für dich, ohne ein Nachteil für mich zu sein. Morgen verbriefen wir’s.«
    »Siehst du?« sprach Jaakob. »Dergleichen gibt es: Vorteile, die es für beide sind und mildern die natürlichen Härten. Das hättest du nicht gedacht. Du wolltest keine Salzeswürze beimengen der Rechtlichkeit, so tu’ ich’s selber aus eigenem, so nackt und leicht ich im Augenblick bin.«
    »Redensarten«, beschloß Laban. »Wir werden’s vertraglich aufsetzen und siegeln, daß es seine Ordnung hat und niemand es anfechten kann, indem er sich ungesetzlich benimmt. Geh jetzt, ich bin schläfrig und aufgetrieben vom Biere. Lösche die Lampen, Kröte!« sagte er zu Abdcheba, streckte sich aus auf seinem Bett, deckte sich zu mit dem Rock und schlief ein mit schief offenem Munde. Jaakob mochte sich betten, wo er wollte. Er stieg aufs Dach hinauf, legte sich auf eine Decke unter die Tücher eines Rohrzeltchens, das dort errichtet war, und dachte an Rahels Augen, bis der Schlaf ihn küßte.

FÜNFTES HAUPTSTÜCK
    IN LABANS DIENSTEN
    Wie lange Jaakob bei Laban blieb
    So begann Jaakobs Aufenthalt in Labans Reich und im Lande Aram Naharaim, das er sinnigerweise bei sich selbst das Land Kurungia nannte: erstens, weil es überhaupt und von vornherein Unterweltsland für ihn war, wohin er flüchtig hatte wandern müssen, dann aber, weil sich mit den Jahren herausstellte, daß dieses stromumschlossene Land seinen Mann festhielt und offenbar nie wieder herausgab, daß es sich wirklich und wörtlich als das Nimmerwiederkehr-Land erwies. Denn was heißt das: »Nie und nimmer«? Es heißt: so lange nicht, als das Ich, wenigstens annähernd, noch seinen Zustand und seine Form bewahrt hat und noch es selber ist. Eine Wiederkehr, die nach fünfundzwanzig Jahren geschieht, betrifft nicht mehr das Ich, das, als es auszog, in einem halben oder, wenn’s hoch käme, in dreien wiederzukehren erwartete und nach dem Zwischenfall sein Leben dort wieder anknüpfen zu können gedachte, wo es unterbrochen worden war, – sie ist für dies Ich eine Nimmerwiederkehr. Fünfundzwanzig Jahre sind kein Zwischenfall, sie sind das Leben selbst, sie sind, wenn sie in männlichem Jünglingsalter einsetzen, des Lebens Kernstück und Grundstock, und wenn Jaakob auch nach seiner Wiederkehr noch lange lebte und das Schwerste und das Hehrste erfuhr – denn er zählte, unserer genauen Berechnung nach, hundertundsechs Jahre, als er, wiederum in unterweltlichem Lande, feierlich verschied –, so träumte er den Traum seines Lebens doch, man kann es sagen, bei Laban im Lande Aram. Dort liebte er, heiratete er, dort wurden ihm von vier Frauen all seine Kinder bis auf den Kleinsten, zwölf an der Zahl, beschert, dort wurde er schwer von Habe und würdig von Lebensanwuchs, und nie kehrte der Jüngling wieder, sondern ein ergreisender Mann tat es, ein Fünfundfünfzigjähriger, ein Wanderscheich von Osten an der Spitze sehr großer Herden, der ins Westland einzog, gleichwie in ein fremdes Land, und zog gen Schekem.
    Daß Jaakob fünfundzwanzig Jahre bei Laban verblieb, ist erweislich wahr und das sicherste Ergebnis jeder klarsinnigen Untersuchung. Lied und Überlieferung zeigen in diesem Punkte ein Denken, dessen Ungenauigkeit wir uns weniger leicht verzeihen würden als ihnen. Sie wollen, Jaakob habe alles in allem zwanzig Jahre bei Laban zugebracht: vierzehn und sechs. Mit dieser Einteilung eben halten sie fest, daß er schon eine Reihe von Jahren, bevor er die staubigen Riegel brach und floh, bei Laban seine Entlassung verlangte, sie jedoch nicht erhielt, sondern unter neuen Bedingungen sich zu weiterem Bleiben verpflichtete. Der Zeitpunkt, als er dies tat, wird durch die Aussage bezeichnet, es sei geschehen, »da Rahel den Joseph geboren hatte«. Wann aber war das? Wären damals nur vierzehn Jahre verflossen gewesen, so hätten in diesen

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