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Joseph und seine Brüder: Vier Romane in einem Band (Fischer Klassik Plus) (German Edition)

Joseph und seine Brüder: Vier Romane in einem Band (Fischer Klassik Plus) (German Edition)

Titel: Joseph und seine Brüder: Vier Romane in einem Band (Fischer Klassik Plus) (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Thomas Mann
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Blau der oberen Lüfte gleißend zusammenzufließen schien. Aber Jaakob hatte nur einzelne »Hm« und »Ei« für diese Sehenswürdigkeiten. Er war ohne Sinn fürs Städtische und liebte weder Geschrei und Getümmel noch die Prahlerei übertriebener Baulichkeiten, die sich die Miene des Ewigen gaben, aber, mochte der Ziegelberg immer noch so klug mit Erdpech und Schilfmatten gesichert und noch so kundig entwässert sein, seiner Einsicht nach doch zum Verfall bestimmt waren, und zwar binnen einer Frist, die zum mindesten vor Gott sehr geringfügig war. Er hatte Heimweh nach den Weiden von Beerscheba; aber die Anmaßungen der Stadt, die seinen Hirtensinn bedrückten, ließen ihn jetzt beinahe schon Labans Hof als Heimat empfinden, wo er übrigens ein Paar schwarzer Augen zurückgelassen, die ihm in eigentümlichster Bereitschaft entgegengeblickt hatten und mit denen es, wie ihm schien, höchst Wichtiges auszumachen gab. An diese dachte er, während er zerstreut die hinfälligen Anmaßungen betrachtete, an sie und an den Gott, der verheißen hatte, seine Füße zu bewachen in der Fremde und ihn reich heimzuführen, den Gott Abrams, für den er Eifersucht empfand beim Anblick von Bel-Charrans Haus und Hof, dieser von Wildstieren und Schlangengreifen bewachten Festung des Götzenglaubens, in deren innerster, von Steinen funkelnder Zelle aus vergoldetem Zederngebälk die bärtige Statue des Abgottes auf silbernem Sockel stand und sich räuchern und schmeicheln ließ nach königlich ausgebildetem Ritual, – während Jaakobs Gott, den er größer glaubte als alle, größer bis zur Einzigkeit, überhaupt kein Haus auf Erden besaß, sondern unter Bäumen und auf Anhöhen einfältig verehrt wurde. Zweifellos wollte er es nicht anders, und Jaakob war stolz darauf, daß er den städtisch-irdischen Staatsprunk verschmähte und verpönte, weil keiner ihm hätte genug tun können. Aber in diesen Stolz mischte sich der Verdacht, mit dem zusammen er eben die Eifersucht ergab: daß nämlich Gott im Grunde auch recht gern in einem Haus aus Emaille, vergoldeten Zedern und Karfunkelstein, das freilich noch siebenmal schöner hätte sein müssen als des Mondgötzen Haus, hätte wohnen mögen und es nur darum verpönte, weil er es noch nicht haben konnte, weil die Seinen noch nicht zahlreich und stark genug waren, es ihm zu bauen. »Wartet nur«, dachte Jaakob, »und prahlt unterdessen mit der Pracht eures hohen Herrn Bel! Mich hat mein Gott zu Beth-el reich zu machen versprochen, und es steht bei ihm, alle schwerreich zu machen, die ihn glauben, und wenn wir es sind, so werden wir ihm ein Haus bauen, das soll sein eitel Gold, Saphir, Jaspis und Bergkristall außen und innen, so daß davor verbleichen all eurer Herren und Herrinnen Häuser. Schauerlich ist die Vergangenheit und die Gegenwart mächtig, denn sie springt in die Augen. Aber das Größte und Heiligste ist ohne Zweifel die Zukunft, und sie tröstet das bedrückte Herz dessen, dem sie verheißen ist.«
    Von Jaakobs Anwartschaft
    So spät es war, als Oheim und Neffe aus der Stadt nach Hause zurückkehrten, so hielt doch Laban darauf, noch diese Nacht die Kontrakttafel in dem Kellerraum seines Hauses niederzulegen, der als Aufbewahrungsort für solche Urkunden diente; und Jaakob begleitete ihn, auch er eine brennende Lampe in der Hand. Das Gelaß lag unter dem Fußboden des Erdgeschoßzimmers der linken Hausseite, gegenüber der Galerie, wo man gestern zu Abend gegessen, und stellte etwas vor wie ein Archiv, eine Kapelle und eine Begräbnisstätte zugleich; denn Bethuels Gebeine ruhten hier in irdener Truhe, die, umgeben von Schalen und Nahrungsopfern und von Dreifüßen mit Räucherpfannen, inmitten des Raumes stand, und hier irgendwo, noch tiefer unter dem Boden oder in der Seitenwand, mußte sich auch die Tonkruke mit den Resten von Labans dargebrachtem Söhnchen befinden. Es war eine Nische im Hintergrunde des Kellers mit einem Altar in Form eines Backsteinblockes davor, und an den Seiten liefen niedrige und schmale Bänkchen hin, auf deren einem, dem zur Rechten, allerlei Schrifttafeln lagen, Quittungen, Rechnungen und Verträge, die hier in Sicherheit gebracht waren. Auf dem anderen dieser Podeste aber waren kleine Götzlein aufgereiht, wohl zehn oder zwölf, wunderlich zu sehen, mit hohen Mützen teils und bärtigen Kindergesichtern, teils kahlköpfig und bartlos, in Schuppenröcken und mit bloßem Oberfigürchen zum Teil, auf dem sie, hoch unterm Kinn, gar friedlich die

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