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Joseph und seine Brüder: Vier Romane in einem Band (Fischer Klassik Plus) (German Edition)

Joseph und seine Brüder: Vier Romane in einem Band (Fischer Klassik Plus) (German Edition)

Titel: Joseph und seine Brüder: Vier Romane in einem Band (Fischer Klassik Plus) (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Thomas Mann
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Umständen eines dem anderen bis zur Einerleiheit ähnlich und der Wechsel der Gesichtspunkte, unter denen sie hingebracht wurden, nicht vermögend war, ihre verfließende Einförmigkeit zu mindern.
    Jaakob und Laban befestigen ihren Vertrag
    Ein Abschnitt, eine Art von Epoche stellte sich für Jaakobs Erleben gleich dadurch her, daß der Vertrag, den er am ersten Tage nach seiner Ankunft mit Laban geschlossen, schon nach einem Monat wieder umgestoßen und durch einen neuen ganz anders gearteten und ihn viel fester bindenden ersetzt wurde. Wirklich schritt Laban schon am Morgen nach Jaakobs Ankunft dazu, das Verhältnis des Neffen zu seinem Hause den Entscheidungen gemäß, die er beim Biere in erdgebundener Sachlichkeit darüber getroffen, gesetzlich festzulegen. Man brach früh auf und begab sich zu Esel nach Charran, der Stadt: Laban, Jaakob und der Sklave Abdcheba, der vor dem Schreiber und Rechtsbeamten als Zeuge dienen mußte. Dieser Richter hatte seinen Stuhl in einem Hofe aufgeschlagen, wo viel Volks sich drängte, denn eine Menge Abmachungen über Käufe und Verkäufe, Pachtungen, Mieten, Tauschgeschäfte, Eheschließungen und Scheidungen galt es urkundlich zu befestigen oder einzuklagen, und der Richter vom Stuhl hatte nebst zwei Kleinschreibern oder Gehilfen, die zu seinen Seiten hockten, alle Hände voll zu tun, den Ansprüchen des städtischen und ländlichen Publikums zu genügen, so daß die Labansleute lange warten mußten, bis ihre übrigens unbedeutende und rasch zu erledigende Sache an die Reihe kam. Laban hatte zuvor noch für einiges Entgelt, etwas Korn und Öl, irgendeinen Mann, der nur in Erwartung solchen Bedarfsfalles hier herumstand, als zweiten Zeugen gewinnen müssen, und dieser denn also bürgte zusammen mit Abdcheba für den Vertrag, und beide siegelten ihn, indem sie die Nägel ihrer Daumen in den Ton der hinten gewölbten Tafel drückten. Laban besaß eine Siegelrolle, und Jaakob, der die seine eingebüßt hatte, siegelte mit seinem Rocksaum. So war der einfache Text beglaubigt, den einer der Kleinschreiber nach dem mechanischen Diktat des Richters hingeritzt hatte: Laban, der Schafzüchter, nahm den und den Mann aus Amurruland, der obdachlos war, Sohn des und des Mannes, bis auf weiteres als Mietssklaven bei sich auf, und alle Kräfte seines Körpers und Geistes hatte dieser in den Dienst von Labans Haus und Betrieb zu stellen gegen keinen anderen Lohn als seines Leibes Notdurft. Ungültigmachung, Prozeß, Klage gab es nicht. Wer es auch sein werde, der, indem er sich ungesetzlich benähme, in Zukunft gegen diesen Vertrag aufstehen werde und ihn anzufechten versuche, dessen Prozeß solle ein Nichtprozeß sein, und er solle mit fünf Minen Silber gebüßt werden. Damit Punktum. Laban hatte für die Kosten der Verbriefung aufzukommen, und er tat es mit ein paar Kupferplättchen, die er unter Schelten auf die Waage warf. Im stillen aber war Jaakobs Verpflichtung unter so wohlfeilen Bedingungen ihm diese kleinen Ausgaben sehr wohl wert, denn er legte dem Segen Jizchaks viel mehr Gewicht bei, als er sich im Gespräch mit seinem Neffen den Anschein gegeben, und es hieße seinen geschäftlichen Verstand unterschätzen, wenn jemand dächte, er sei sich nicht gleich und von vornherein bewußt gewesen, mit der Einstellung Jaakobs in sein Hauswesen einen guten Fang zu tun. Er war ein düsterer Mann, den Göttern nicht wohlgefällig, ohne Zutrauen zu seinem Glück und darum auch wenig erfolgreich bisher in seinen Unternehmungen. Er verkannte keinen Augenblick, daß er einen Gesegneten zum Mitarbeiter vortrefflich brauchen konnte.
    Darum war er auch nach geschlossenem Vertrage verhältnismäßig bei Laune, tätigte in den Gassen noch einige Einkäufe an Stoffen, Eßwaren und kleinen Gerätschaften und forderte seinen Begleiter zu Äußerungen des Erstaunens über die Stadt und ihr lärmendes Getriebe auf, – über die Dicke ihrer Mauern und Bastionen; die Lieblichkeit der reich bewässerten Gärten, die sie umringten und in denen Weingirlanden sich zwischen den Dattelpalmen hinschlangen; die heilige Pracht E-chulchuls, des umwallten Tempels, und seiner Höfe mit silberbeschlagenen und von bronzenen Stieren bewachten Tore; die Erhabenheit des Turmes, der auf ungeheurer Aufschüttung sich, von Rampen umlaufen, emporstufte, ein siebenfarbiges Ungetüm aus Kacheln, azurblau in der Höhe, so daß das dortige Heiligtum und Absteigequartier des Gottes, wo ihm ein Hochzeitsbett errichtet war, mit dem

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