Joseph und seine Brüder: Vier Romane in einem Band (Fischer Klassik Plus) (German Edition)
Böcke, einen wertvollen Springer, mit Liebe und Kunst von den Pocken. Aber Laban nahm dies und anderes als unauffällige Leistungen eines brauchbaren Hirten ohne Dankesbezeigung hin, und auch daß Jaakob gleich nach seinem Dienstantritt die unteren Fensterluken des Hauses mit hübschen Holzgittern ausstattete, ließ er nur eben geschehen. Die Kosten für den Lehm- und Kalkverputz der äußeren Ziegelwände verweigerte er aus Geiz, und so mußte Jaakob darauf verzichten, eine so augenfällige Verschönerung des Besitztums mit seinem Einzuge zu verbinden. Er war recht ratlos in betreff der Segensbewährung; aber eben die innere Spannung dieses Suchens und dringlichen Wünschens mochte ihn wohl zur Offenbarung bereitet und ihn zum Mann des weittragenden Ereignisses gemacht haben, dessen er sich sein Leben lang mit Freuden erinnerte.
Er fand Wasser in der Nähe von Labans Kornfeld, lebendiges Wasser, eine unterirdische Quelle, fand sie, wie er wohl wußte, mit Hilfe des Herrn, seines Gottes, obgleich sich Erscheinungen einmischten, die diesem eigentlich hätten zuwider sein müssen und sich wie ein Zugeständnis seines reinen Wesens an den Ortsgeist, die landläufigen Vorstellungen ausnahmen. Jaakob hatte soeben vorm Hause unter vier Augen mit der lieben Rahel gesprochen, und zwar so galant wie offenherzig. Er hatte ihr gesagt, sie sei reizend wie Hathor von Ägypterland, wie Eset, schön wie eine junge Kuh. Sie leuchte in weiblichem Lichte, hatte er poetisch gesagt, sie erscheine ihm wie eine mit feuchtem Feuer die guten Samen nährende Mutter, und sie zum Weibe zu haben und Söhne mit ihr zu zeugen, sei sein allerinnigster Gedanke. Sie hatte das sehr lieblich aufgenommen, keusch und ehrlich. Der Vetter und Gemahl war gekommen, sie hatte ihn mit den Augen geprüft und liebte ihn aus der Lebensbereitschaft ihrer Jugend. Als er sie jetzt, ihren Kopf zwischen seinen Händen, gefragt hatte, ob es auch sie wohl freuen würde, ihm Kinder zu schenken, hatte sie genickt, wobei die holden schwarzen Augen ihr von Tränen übergegangen waren, und er hatte ihr diese Tränen von den Augen geküßt, – seine Lippen waren noch naß davon. Im Zwielicht, da Mond- und Tagesschein sich stritten, erging er sich auf dem Felde, als plötzlich sein Fuß ziehend angehalten wurde und ein eigentümlich brennendes Zucken, als treffe ihn der Blitz, ihm von der Schulter bis zur Zehenspitze lief. Die Augen aufreißend, gewahrte er dicht vor sich eine sehr seltsame Gestalt. Sie hatte einen Fischleib, der silbrig-schlüpfrig im Mond und Tage schimmerte, und auch den Kopf eines Fisches. Darunter aber, bedeckt davon wie von einer Mütze, war ein Menschenkopf mit geringeltem Bart, und auch Menschenfüße hatte das Wesen, die kurz aus dem Fischschwanz hervorwuchsen, und ein Paar kurzer Ärmchen. Es stand gebückt und schien mit einem Eimer, den es mit beiden Händen hielt, etwas vom Boden zu schöpfen und auszugießen, – schöpfte und goß, noch einmal und wieder. Dann tat es auf seinen kurzen Füßen ein paar trippelnde Schritte seitwärts und glitt in die Erde, war jedenfalls nicht mehr zu sehen.
Jaakob begriff augenblicklich, daß dies Ea-Oannes gewesen war, der Gott der Wassertiefe, der Herr der mittleren Erde und des Ozeans über der untersten, dieser Gott, dem die Leute des Landes fast alles Wissenswerte ursprünglich zu verdanken behaupteten und den sie für sehr groß erachteten, für ebenso groß wie Ellil, Sin, Schamasch und Nabu. Jaakob seinerseits wußte, daß er gar so groß eben nicht sei im Vergleich mit dem Höchsten, den Abram erkannt, schon darum nicht, weil er eine Gestalt hatte, und zwar eine halb lächerliche. Er wußte, daß, wenn Ea hier in Erscheinung getreten war und ihm etwas gewiesen hatte, dies nur auf Veranstaltung Ja’s, des Einzigen, des Gottes Isaaks, geschehen sein könne, der mit ihm war. Was aber der mindere Gott ihm gewiesen hatte mit seinem Benehmen, war ihm ebenfalls ohne weiteres deutlich: nicht nur an und für sich, sondern in allen seinen Folgen und Zusammenhängen, und er nahm sich auf und lief nach dem Hof, um Schürfgerät zu holen, brachte auch Abdcheba, den Zwanzig-Schekel-Mann, auf die Beine, ihm zu helfen, und grub die halbe Nacht, schlief dann nur eine Stunde und fuhr vor Tag wieder fort zu graben, bis er zu seiner Qual die Schafe austreiben und für den ganzen Tag sein Werk im Stich lassen mußte, – er konnte nicht stehen, noch liegen, noch sitzen, während er dieses Tages Labans Schafe
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