Julie oder Die neue Heloise
allmächtiger Gott, die die mütterliche Hand gegen die zarte Frucht bewaffnen kann .... mein Herz entfällt mir bei dem gräßlichen Gedanken. und ich danke wenigstens Dem, der die Herzen prüft, daß er aus dem meinigen diese scheußliche Ehre fern hält, die nichts als Missethaten gebiert und vor der die Natur schaudert.
Kehren Sie doch nur in sich selbst ein, und erwägen Sie, ob es Ihnen erlaubt ist, mit vorbedachter Absicht das Leben eines Mannes anzugreifen und das Ihrige auszusetzen, um einer barbarischen und gefährlichen Grille zu genügen, die auf nichts Vernünftiges gegründet ist, und ob das traurige Andenken des um solchen Anlaß vergossenen Blutes nicht unaufhörlich um Rache schreien wird tief im Herzen Dessen, der es vergossen hat. Kennen Sie ein Verbrechen, das dem freiwilligen Todtschlag gleichkäme? Und wenn die Grundlage aller Tugenden die Menschlichst ist, sagen Sie, was soll man von dem blutdürstigen und ausgearteten Menschen denken, der sie in dem Leben seines Nächsten anzulasten wagt? Erinnern Sie sich dessen, was Sie mir selbst über den ausländischen Kriegsdienst gesagt haben. Haben Sie vergessen, daß der Bürger sein Leben dem Vaterlande schuldet und nicht das Recht hat, ohne Zustimmung der Gesetze, um wie viel weniger gegen ihr Verbot, darüber zu verfügen? O mein Freund, wenn Sie aufrichtig die Tugend lieben, lernen Sie ihr nach ihrer Weise dienen, und nicht nach der Weise der Menschen. Ich will sagen, daß sich dabei manche Unannehmlichkeiten ergeben können: ist denn aber das Wort Tugend für Sie nur ein leerer Schall? Und wollen Sie nur tugendhaft sein, wenn man es ohne Aufopferung sein kann?
Aber was für Unannehmlichkeiten sind es im Grunde? Das Murren der Müßiggänger, der bösen Menschen, die sich an dem Unglück Anderer zu ergötzen suchen und gern immer irgend etwas Neues zu erzählen haben möchten. Wahrhaftig ein mächtiger Beweggrund, um sich einander zu erwürgen! Wenn der Philosoph, der Weise sich in den wichtigsten Angelegenheiten des Lebens nach dem unsinnigen Geschwätz der Menge richtet, wozu dann all dies weitläufige Studiren, um am Ende nichts weiter als ein gewöhnlicher Mensch zu sein? Sie wagen also nicht, die Rachsucht der Pflicht, der Werthschätzung, der Freundschaft zum Opfer zu bringen, aus Furcht, daß man Ihnen vorwerfen könnte, Sie fürchteten sich vor dem Tode? Wägen Sie Beides gegen einander, mein lieber Freund, und Sie werden mehr Feigheit in der Furcht vor diesem Vorwurfe, als in der Furcht vor dem Tode selbst finden. Der Feige, der Furchtsame will mit aller Gewalt für tapfer gelten:
Ma verace valor, ben che negletto,
E di se stesso a se freggio assai chiaro.
[Allein wahrhafter Muth, wenn auch mißachter,
Ist an sich selber schon des Mannes Zierte.]
Wer vorgiebt, dem Tode ohne Entsetzen ins Gesicht zu schauen, lügt. Jeder Mensch fürchtet den Tod, dies ist das Grundgesetz aller fühlenden Wesen, ohne welches jede sterbliche Gattung bald zerstört sein würde. Diese Furcht ist eine einfache Regung der Natur, und etwas nicht blos Gleichgültiges, sondern etwas an sich Gutes und der Ordnung der Dinge Entsprechendes; schimpflich und tadelnswerthwird sie nur dann, wenn man sich durch sie verhindern läßt, das Gute zu thun und seine Pflichten zu erfüllen. Wenn die Feigheit niemals der Tugend hinderlich wäre, so würde sie kein Laster weiter sein. Wer mehr an seinen Leben hängt als an seiner Pflicht, kann nicht in allem Ernst tugendhaft sein, das gebe ich zu. Aber erklären Sie mir, da Sie sich mit der Vernunft brüsten, was sich Verdienstliches darin finden läßt, dem Tode zu trotzen, um ein Verbrechen zu begehen.
Gesetzt, es wäre wahr, daß man sich verächtlich macht, wenn man sich weigert, sich zu schlagen, welche Verachtung ist dann am meisten zu fürchten, die der Anderen, wenn man gut handelt, oder die eigene, wenn man schlecht handelt?
O glauben Sie mir, wer sich wahrhaft selbst achtet, macht sich wenig aus der ungerechten Verachtung der Anderen und hütet sich nur davor, dieselbe zu verdienen; denn das Gute und Rechte hängt nicht von der Meinung der Menschen, sondern von der Natur der Dinge ab, und wenn die ganze Welt die Handlung gutheißen wollte, welche Sie zu thun im Begriffe sind, würde sie deswegen doch nicht weniger schändlich sein. Es ist aber nicht wahr, daß man sich verächtlich macht, wenn man sich aus Grundsatz ihrer enthält. Der ehrliche Mann, dessen ganzes Leben fleckenlos und der nie eine Spur von
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