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KON-TIKI

KON-TIKI

Titel: KON-TIKI Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Thor Heyerdahl
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nach Westen, und Tikis weiße »Langohren« kamen aus dem Osten bei der Osterinsel an, wohlbewandert in eben dieser Kunst. Dort haben sie denn auch ihre Skulpturarbeiten mit so vollendetem Können wieder aufgenommen, daß sich auf der kleinen Osterinsel nicht die geringste Spur einer Entwicklung feststellen läßt, die zu den Meisterwerken auf der Insel emporführen würde.
    Oft gleichen sich die großen Steinstatuen in Peru und die auf einzelnen Südseeinseln mehr, als die Riesenstatuen auf den verschiedenen Südseeinseln untereinander. Auf den Marquesasinseln und auf Tahiti führen diese Skulpturen den Sammelnamen Tiki. Sie stellen verehrte Ahnen aus der Inselgeschichte dar, die nach ihrem Tod den Rang von Göttern erhielten. Und darin liegt zweifellos die Erklärung für die wunderlichen roten Kalotten auf dem Scheitel der Osterinselfiguren.
    Wie erwähnt, leben auf allen Inseln in Polynesien vereinzelte Menschen und ganze Familien mit rötlichem Haar und heller Haut. Die Eingeborenen behaupten selber, daß eben diese Leute von dem ersten weißen Volk auf den Inseln abstammen. Auf einzelnen Eilanden färbten die Teilnehmer bei bestimmten religiösen Festen ihre Haut weiß und das Haar rot, um ihren ältesten Ahnen zu gleichen. Bei den jährlichen Zeremonien auf der Osterinsel wurde den Hauptpersonen des Festes das Kopfhaar geschoren, so daß der Haarboden rot bemalt werden konnte. Auch bei den Götterbildern waren die riesigen roten Steinkalotten sorgfältig in einer Art und Weise zugehauen, die der lokalen Männerfrisur vollkommen entsprach. Sie hatten einen runden Knoten über dem Scheitel, genau wie die Männer selber das Haar in einem kleinen traditionellen Knoten in der Kopfmitte zusammenbanden.
    Darum haben die Statuen auf der Osterinsel lange Ohren, weil die Bildhauer sich selber die Ohren verlängerten. Sie erhielten einen besonderen roten Kopfschmuck, weil auch ihre Schöpfer rötliches Haar hatten. Sie hatten das Kinn zu einer spitzen und hervorstehenden Kante zugehauen, weil ihre lebenden Vorbilder lange Bärte trugen. Alles in allem zeigen sie die typische Physiognomie der weißen Rasse mit schmalem, hervorstehendem Nasenrücken und dünnen, scharfen Lippen, weil eben die »Langohren« nicht der braunen Rasse angehörten. Und wenn die Statuen gewaltige Köpfe und winzige Beine zeigten und die Hände über dem Leib gefaltet hielten, so entsprach das eben der aus Peru überkommenen Art, Götterbilder zu schaffen. Der einzige Schmuck der Osterinselfiguren ist ein Gürtel, der rund um den Leib aus dem Stein herausgemeißelt wurde. Denselben symbolischen Gürtel tragen auch Tikis alte Riesenbildwerke am Titicacasee. Es ist der Regenbogengürtel, das mystische Emblem des Sonnengottes. Auf der Mangarevainsel gab es eine alte Mythe. Sie erzählte, daß der Sonnengott den Regenbogen, der sein magischer Gürtel war, von sich streckte und entlang des Gürtels vom Himmel herab nach Mangareva stieg, um die Insel mit seinen weißhäutigen Kindern zu bevölkern. Genauso wie in Peru war auch auf allen diesen Inseln die Sonne einmal als ältester Stammvater angesehen worden.
    Wir saßen an Deck unter dem Sternenhimmel und durchlebten die eigentümliche Geschichte der Osterinsel. Unser Floß freilich führte uns direkt in das Herz Polynesiens, so daß wir von diesem verlorenen Eiland nicht mehr zu sehen bekamen als den Namen auf der Karte.
    Doch diese Insel ist so voll von Spuren aus dem Osten, daß selbst ihr Name als Wegweiser dienen kann.
    Auf der Karte steht »Osterinsel«, weil irgendein zufälliger Holländer die Insel an einem Ostertag »entdeckt« hat. Wir haben darüber vergessen, daß die Eingeborenen, die damals schon lange auf der Insel wohnten, weit lehrreichere und bedeutungsvollere Bezeichnungen für ihre Heimat besaßen. Ein liebes Kind hat viele Namen, und diese bedeutsame kleine Insel hat in der polynesischen Sprache nicht weniger als drei.
    Der erste Name »Te-Pito-te-Henua« bedeutet »Nabel der Inseln«. Diese poetische Bezeichnung zeigt nun deutlich genug eine Sonderstellung der Osterinsel gegenüber den anderen Eilanden weiter im Westen. Nach der Tradition der Polynesier ist es der älteste Name des Eilandes. Auf der Ostseite der Insel, nahe der Stelle, an der nach der Überlieferung die ersten »Langohren« gelandet sind, liegt ein besonders sorgfältig behauener Stein. Er heißt »Goldener Nabel« und wird als Nabel der Osterinsel selber angesehen. Jeder, der die dichterische Mentalität der

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