Kriegsgebiete
dir.«
»Kann
schon sein, aber ich weiß nicht so recht, was ich glauben soll.
Ich fühle mich sowieso die ganze Zeit verfolgt. Hast du im
Internet was über die Mordopfer rausgekriegt?«
»Nichts,
was uns wirklich weiterbringt. Ganz unterschiedliche Berufe. Aber
alle waren schon längere Zeit mit ihren aktuellen
Lebensgefährten zusammen. Mindestens zwei Jahre. Aber ich werde
mich noch mal hinsetzen. Vielleicht haben die ja alle irgendwas mit
dir zu tun.«
»Das
sollte ich eigentlich wissen.«
»Es
gab mal so einen Versuch in der Zeit , mit dem bewiesen werden
sollte, dass sich alle um sieben Ecken herum kennen. Das hat
funktioniert. Man hat mit einem Zivildienstleistenden in
Norddeutschland und einem Rentner in einem bayerischen Altenheim
angefangen. Es sollten sich alle melden, die den einen oder den
anderen kannten. Am Ende gelang es tatsächlich, eine Kette zu
knüpfen. Ein Netzwerk.«
»Und
was hat das mit den Morden zu tun?«
»Keine
Ahnung.«
Das
Telefon klingelte. Maik ging ran.
»Für
dich«, sagte er und hielt Daniel den Hörer entgegen.
Erstaunt
griff Daniel danach.
»Hier
ist Rainer. Wir sollten uns dringend treffen.«
Rainer
schlug als Treffpunkt eine Industriebrache vor. Die alte
Hülsenfabrik.
»Warum
treffen wir uns dort?«, fragte Daniel.
»Falls
es laut wird.«
Aha,
dachte Daniel, daher weht also der Wind.
»Sie
kennen das Gelände, Daniel. Es liegt direkt an einem Ihrer
Trainingsparcours.«
»Ja,
ich kenne es.«
Ohne
sich zu verabschieden, legte Rainer auf. Woher kannte Rainer seine
Trainingsstrecken? Wahrscheinlich hatte ihm Melanie davon erzählt.
Oder Lea. Einen Moment war er über die Indiskretion wütend.
Was hatten sie diesem dahergelaufenen Kerl, diesem Aggressor, noch
preisgegeben? Daniel kochte vor Wut wegen der Vertrautheit, die
mittlerweile zwischen einem anderen Mann und Melanie herrschte. Wegen
der ständigen Nähe, die Rainer zu seiner Tochter hatte. Er
war derjenige, der Lea zur Beratungsstelle brachte. Zu diesem hellen,
lebensbejahenden Ort, an dem die Begegnungen mit seiner Tochter
beobachtet wurden. Es war schwer, die Liebe zu seinem Kind in
geordnete Bahnen zu lenken. Und sich die Liebe zu Melanie
abzugewöhnen.
Ein
neuer Song. Die Gitarre unglaublich schnell. Morrisseys Stimme klang
versöhnlich. Trotz Wut. Trotz Schmerz.
I’ll
never make that mistake again.
»Wie
heißt der Song?«, fragte Daniel.
» Girl
Afraid «, antwortete Maik.
***
Bösartig
glotzten die zerbrochenen Scheiben der Fabrik Daniel entgegen. Leer
stehende Gebäude zogen Steinewerfer magisch an. An einer
Lagerhalle hatten sich große Brocken aus dem Mauerwerk gelöst
und waren auf den Boden gefallen. Irgendjemand hatte schlampig eine
Absperrung aus wackligen Metallgittern um den gefährdeten
Asphaltbereich aufgestellt. Das verlassene Fabrikgelände
erinnerte Daniel an die Umgebung von Tschernobyl, die er aus einem
Computerspiel kannte, in dem man sich in der Sperrzone um das
Kernkraftwerk Mutanten vom Leib halten musste.
Mit
der Auswahl des Treffpunkts bewies Rainer mehr Stilempfinden, als
Daniel ihm zugetraut hatte. Die Trostlosigkeit der Industriebrache
bot eine mehr als passende Kulisse. Von einer Begegnung mit dem neuen
Liebhaber seiner Ex-Frau konnte man alles Mögliche erwarteten,
nur keinen Trost.
Rainer
war noch nicht da. Zumindest nicht seine protzige, gut gepflegte
Limousine. Daniel hatte Schwierigkeiten, sich Rainer ohne Auto
vorzustellen. So wie man sich manche Leute nicht ohne ihren
hässlichen Hund denken kann.
Daniel
kettete das Mountainbike an einem der wackligen Absperrgitter an und
wartete. Einer der Momente, in denen man sich als ehemaliger Raucher
wünschte, ohne schlechtes Gewissen mit seiner Sucht wieder
anfangen zu können.
An
einem der Fabrikgebäude zogen sich Graffiti in gut acht Metern
Höhe über die ganze Breite einer Wand. Ein Sprayer ohne
Höhenangst musste sich vom Dach herabgelassen haben, um es
anzubringen. Vor der Insolvenz waren hier Papierhülsen für
die Textilindustrie hergestellt worden. Daniel dachte darüber
nach, wie viele Fabriken in seiner Heimatstadt noch in Betrieb waren.
Das Verhältnis lag etwa bei fünf zu eins. Für die
Ruinen. Die Stadt sah immer mehr aus wie die Scheiß-Dritte-Welt.
Früher
hatten die Textilbetriebe in der Stadt und die Porzellanfabriken im
Umland Tausenden Menschen ein Einkommen ermöglicht. Nachdem der
Ostblock zusammengebrochen war und der Kapitalismus endgültig
die Oberhand gewonnen hatte, war die
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