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Kristall der Träume

Kristall der Träume

Titel: Kristall der Träume Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Barbara Wood
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Schwelle trat, berührte sie mit den Fingerspitzen eine in die Steinmauer eingelassene Tonkapsel. Mezwah hieß diese Kapsel, die einen mit heiligen Worten beschrifteten Pergamentstreifen enthielt. Amelias Geste erfolgte unwillkürlich, aber sie tat es nicht, weil sie an die Kraft der heiligen Worte glaubte, sondern aus Achtung vor Rahel und ihrem Glauben. Amelia genoss die Zusammenkünfte mit Rahel, weil sie von ihr nie kritisiert oder insgeheim verurteilt wurde, wie in ihren eigenen Kreisen üblich. Mit Rahel konnte sie ungeniert sprechen oder auch einfach schweigen. Am liebsten verbrachten sie ihre gemeinsame Zeit mit Spaziergängen am Ufer des Tiber, beim Durchstöbern der Buchläden, beim Bummel durch die Straßen oder beim Brettspiel in Raheis Garten. Ein Essen hatten sie jedoch noch nie miteinander geteilt, und Amelia war gespannt, was sie erwartete.
    Ihre Freundin kam ihr entgegen, eine ältere, rundliche Frau mit freundlichem Gesicht und prächtigem silbernen Schmuck um den Hals. »Meine liebe Amelia.« Rahel umarmte sie. »Wie ich dich vermisst habe«, sagte sie mit feuchten Augen. »Und du hast noch ein Enkelkind bekommen! «

    »Einen gesunden Jungen.«
    »Gott sei gelobt. Wie geht es Cornelia?«
    »Sie ist mit ihrem Mann noch auf dem Land und wird erst in ein paar Tagen nach Rom kommen. Aber du, Rahel. Du siehst wunderbar aus!« Sie hatten sich sieben Monate lang nicht gesehen, und obwohl die Freundin immer sehr wohl aussah, erschien es Amelia heute so, als ob Rahel von innen heraus strahlte. In ihren kostbaren dunkelblauen Seidengewändern mit der Silberstickerei sah Rahel tatsächlich um Jahre jünger aus. Sie hakte Amelia unter und geleitete sie zum Haus.
    »Heute ist Schawuot, ein Freudenfest, zum Gedenken an den Tag der Offenbarung am Berg Sinai, als Moses von Gott die Gesetzestafeln mit den Zehn Geboten empfangen hat. In Jerusalem bringen die Menschen erste Erntegarben des Weizens als Opfer in den Tempel, und ich habe mein Haus mit frischem Grün geschmückt. Außerdem ist es ein Wallfahrtsfest, Solomon und ich hatten immer gehofft, Schawuot eines Tages in Jerusalem begehen zu können.« Rahel hielt inne, als sie an Amelias Hals etwas aufblitzen sah. »Was ist das? Eine Halskette, die du versteckst?«
    Amelia zog den Anhänger aus blauem Kristall aus dem Ausschnitt. Als Rahel ihn berühren wollte, zuckte Amelia zurück.
    »Nicht.«
    »Warum?«
    »Ein Fluch liegt darauf.« Raheis Augen wurden vor Schreck ganz rund. »Diese Halskette stammt von der Mumie einer ägyptischen Königin.«
    Rahel fasste sich an die Brust. »Von den Toten gestohlen? Gott schütze uns. Amelia, warum trägst du so etwas?«
    »Cornelius hat es mir befohlen.«
    Rahel schwieg dazu. Alles, was sie zum Thema Cornelius zu sagen hatte, war schon längst gesagt. »Ich spüre ihre Gegenwart.«
    »Wessen?«
    »Der toten Königin. Es ist, als ob Cornelius ihren Geist mitgebracht hätte.«
    »In diesem Haus gibt es keine Gespenster.« Rahel nahm Amelias Arm. »Hier bist du sicher.«
    Als sie in dem kühlen Atrium standen, fasste Rahel Amelia an den Händen und sagte mit besonderer Wärme: »Ich kann die gute Neuigkeit nicht länger für mich behalten. Meine teure Freundin, während du auf dem Lande warst, ist etwas Wunderbares geschehen!

    Du weißt, wie trostlos mein Leben seit Solomons Dahinscheiden ist.«
    Raheis Ehemann war Arzt der griechischen Schule gewesen – die hippokratischen Ärzte waren damals wegen ihres Könnens und ihrer Lauterkeit sehr gefragt. Die beiden Frauen hatten sich kennen gelernt, als eines von Amelias Kindern erkrankt war und Solomon es behandelt hatte. Er und Rahel waren damals gerade von Korinth nach Rom gezogen, wo es an guten Ärzten mangelte. Rahel und Solomon hatten einander wirklich geliebt, eine Seltenheit in jener Zeit. In Rom galt es als höchst unziemlich, dass Ehegatten sich liebten, und Zeichen der Zuneigung waren in der Öffentlichkeit verpönt. Amelia hatte einst schockiert mit angesehen, wie Solomon seine Frau auf die Wange küsste. Seit seinem Tod war Rahel wie verwandelt, als ob sein Ableben eine unheilbare Wunde gerissen hätte.
    Heute jedoch schien sie vor Freude ganz aufgeregt. »Ich habe mir immer gesagt, wenn ich nur die Gewissheit hätte, dass ich meinen Solomon wiedersehen kann. Und nun habe ich die Gewissheit.«
    Atemlos erzählte Rahel von einem jüdischen Helden, den sie den Erlöser nannte, der ein kommendes Königreich verkündigte und ewiges Leben versprach. »Durch Christus

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