Kristall der Träume
erlangen wir inneren Frieden. Er hat Juden und Christen durch seinen Tod vereint, indem er mit dem alten Gesetz, das sie trennte, brach.« Sie lachte über Amelias ratloses Gesicht: »Es ist verwirrend, aber bald wirst du es besser verstehen. Hier findest auch du Antworten, liebste Freundin.«
Nach und nach trafen die anderen Gäste ein. Amelia staunte über die Mischung, denn Rahel hatte ihr einmal gestanden, sie sei ihre einzige nichtjüdische Freundin, und doch fanden sich noch andere Nichtjuden unter den Gästen. Sie stammten nicht nur wie Rahel aus der Oberklasse, sondern schienen aus allen Bevölkerungsschichten zu kommen, einschließlich der Sklaven, die zu Amelias Verwunderung ebenfalls herzlich willkommen geheißen wurden. Es war eine laute Gesellschaft. Die meisten Römer wussten relativ wenig über das Judentum, und Amelia hatte geglaubt, ihre religiösen Rituale vollzögen sich still und feierlich, wie die in den Tempeln von Isis und Juno. Aber wie Rahel ihrer verwirrten Freundin erklärte, dienten diese wöchentlichen Begegnungen nach dem Besuch der Synagoge vornehmlich dem gesellschaftlichen und geistigen Austausch. Es gab drei Esstische, die von neun Sitzbänken umstellt waren, wobei drei Gäste sich eine Bank teilten. Hierbei erwies Rahel sich als perfekte Gastgeberin, denn es galt als schlechter Stil, weniger als neun Gäste an einem Tisch und mehr als siebenundzwanzig Gäste auf einer Gesellschaft zu versammeln. Alle Kamine waren bereits am Vorabend beheizt worden, nach dem jüdischen Ruhegebot durfte am Sabbat kein Feuer entzündet werden.
Als alle ihre Plätze eingenommen hatten, sagte Rahel: »Es ist mir eine große Freude, die Nichtjuden unter uns begrüßen zu dürfen.«
Ein älterer Mann mit Kippa und Gebetsschal entrüstete sich über die Anwesenheit der Andersgläubigen und verließ unter Protest den Raum.
Rahel schickte ihm einen jungen Mann hinterher und wandte sich beinahe entschuldigend an Amelia. »Viele unter uns sind immer noch geteilter Meinung. Jede Gemeinde ist in der Gestaltung ihres religiösen Lebens selbständig. Unsere Glaubensbrüder in Korinth verfahren anders als wir hier in Rom oder unsere Brüder und Schwestern in Ephesos.«
Tatsächlich kehrte der alte Mann an der Seite des jungen zurück, der ihn mit den Worten des Propheten Jesaja ermahnte: »Ich habe dich auch zum Licht der Heiden gemacht, dass du seist mein Heil bis an der Welt Ende.« Obwohl er nicht sehr überzeugt schien, nahm der Alte seinen Platz wieder ein.
Rahel stimmte das große Gebet »Höre Israel, der Herr ist unser Gott« an, zunächst auf Hebräisch, dann, mit Rücksicht auf die neuen Gäste, auf Lateinisch.
Die Andacht schien daraus zu bestehen, Briefe vorzulesen und Geschichten zu erzählen. Amelia erkannte einige der Geschichten wieder, denn die Auferstehung von Göttern war nichts Neues. Der Gott Mars war drei Tage in die Unterwelt gestiegen und dann wieder auferstanden. Von anderen Erlösern aus früheren Zeiten kannte sie ähnliche Geschichten, selbst Romulus, der erste König von Rom, war nach seinem Tod leibhaftig seiner Gefolgschaft erschienen und hatte erklärt, er würde zu den Göttern hinaufsteigen. Julius Cäsar und Augustus zählten inzwischen ebenfalls zu den Göttern. Es gehörte beinahe zum Alltag, dass aus Menschen Götter wurden. Und was das Leben nach dem Tode betraf, so hatte Isis solches bereits versprochen. Die Versammlung sprach von der Kreuzigung ihres Erlösers. Auch das war für Amelia ohne Belang, Verbrecher wurden täglich ans Kreuz geschlagen. Die Wege nach Rom waren von Kreuzen gesäumt, von denen selten eines leer blieb. Und dass Jesus Wunder vollbrachte und die Kranken heilte, war auch nichts Besonderes, in den Straßen Roms wurden täglich Wunder vollbracht: Zauberer verwandelten Wasser in Wein, und Wunderheiler brachten Lahme zum Gehen. Doch hörte sie höflich zu und staunte darüber, wie gebannt die Runde lauschte.
Raheis Cousine aus Korinth hatte Briefe mitgebracht, die laut vorgelesen wurden. Rahel sagte leise zu Amelia: »Unsere Glaubensgemeinde hat keine offiziellen Bethäuser. Wir halten unsere Versammlungen in Privathäusern ab. Meine Cousine ist genau wie ich eine Schutzherrin des neuen Glaubens und hält Zusammenkünfte bei sich zu Hause ab. Ihre Schwägerin in Ephesus macht das ebenso.
Es gibt keine einheitlichen Regeln oder Vorschriften für die Ausübung unseres Glaubens. In Alexandria zum Beispiel gibt es eine Glaubensgruppe, die nur aus
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