Kristall der Träume
Hausarrest bestrafte.
Amelia wusste, weshalb Cornelius ihr die Freundschaft mit Rahel nicht untersagte, während er ihr alle anderen Freiheiten verbot: Er brauchte eine Handhabe gegen sie, um sie kleinzuhalten. Wenn er ihr alle anderen Freuden nahm und sie zu einer echten Gefangenen machte, hätte er nichts mehr in der Hand, womit er sie in Schach halten konnte. Ihre Ausflüge zu Rahel dienten ihm als konstante Versicherung seiner Macht über sie. Außerdem hielt er sie ständig im Ungewissen. Bis zum letzten Moment war Amelia sich nie sicher, ob er ihr erlauben würde, das Haus zu verlassen. Und während sie sich an diesem Morgen darauf freute, ihre Freundin Rahel wiederzusehen, blieb immer noch die Ungewissheit, ob es diesmal das letzte Mal sein würde.
»Der Tag ist ausgesprochen günstig, Eure Exzellenz, um Euren Fall vor Gericht zu bringen.« Cornelius’ persönlicher Astrologe nickte, zufrieden über seine Berechnungen. »Ja, ausgesprochen günstig. Ich möchte sagen, der Fall wird bis Mittag entschieden sein.« Während die drei Sklaven die Toga ihres Herrn kunstvoll drapierten, spähte Cornelius zu der offenen Tür. Er wusste, dass Amelia in der Nähe lauerte.
Sie war nicht immer so scheu gewesen. Es gab eine Zeit, da war Amelia eine ihrem hohen Rang in der römischen Gesellschaft entsprechende Persönlichkeit gewesen. Diese traurige Demontage hatte sie sich selbst zuzuschreiben. Eine Scheidung mit anschließender Verbannung wäre die gerechte Strafe gewesen, aber nur Cornelius kannte die Gründe, warum er die Ehe aufrechterhielt.
Die Römer mochten keine unverheirateten Männer, und schon gar keine reichen. Kaiser Augustus hätte die Ehelosigkeit einst beinahe unter Strafe gestellt. Wenn Cornelius sich von Amelia scheiden ließe, wäre jede Mutter einer unverheirateten Tochter, jede Witwe und jede Geschiedene, ja jede heiratsfähige Frau im gesamten Kaiserreich hinter ihm her. Auf diese Weise diente Amelia ihm als Schutzschild, und er fand diesen Winkelzug geradezu genial.
Obwohl immer noch im Rang einer Ehefrau, genoss Amelia keinerlei Rechte mehr, und er war ihr gegenüber aller Verpflichtungen entbunden, andererseits hielt sie ihm auf bequeme Art heiratswütige Frauen vom Leib.
Und dann die Halskette! Wieder so ein Geniestreich von ihm. Als der ägyptische Händler ihm die aus einer Grabkammer gestohlene Kette zeigte, hatte Cornelius sofort erkannt, dass sie wie geschaffen für Amelia war – der protzige Tand einer ehebrecherischen Königin.
Der Zeitpunkt hätte nicht besser gewählt sein können. Amelias Indiskretion lag inzwischen sechs Jahre zurück und verblasste allmählich in der Erinnerung der Leute. Der blaue Stein mit seiner skandalösen Geschichte war geradezu perfekt, um das Gedächtnis der Leute aufzufrischen, und erlaubte ihm, Cornelius, auf geschickte Art, seine wachsende Macht in Rom zu demonstrieren, denn der Stein sagte: Wenn ich meiner Frau das antun kann, dann überlegt mal, was ich euch antun kann.
Im Atrium wurde er bereits von einem kleinen Kreis erwartet.
Cornelius war erst seit zwei Tagen wieder in Rom, und schon hatte die Nachricht von seiner Rückkehr die Runde gemacht. Sie kamen stets zum Morgenempfang, hungrige junge Männer, auf der Suche nach Gefälligkeiten, Empfehlungen, Einführungen. Sie eilten aus ihren schäbigen Behausungen herbei, um ihrem Gönner ihren Respekt zu bezeugen, hing doch ihre ganze Existenz von ihm ab.
Und als Gegenleistung für Geschenke und Speisen wurde von dieser beflissenen Klientel erwartet, dass sie ihren Patron durch die Stadt begleitete. Es war eine römische Tradition: Je größer die Gefolgschaft, desto höher das Ansehen des Schutzherrn. Und Cornelius Gaius Vitellius hatte eine der größten Gefolgschaften in Rom.
Cornelius war ein erfolgreicher, einflussreicher Advokat mit hochkarätigen Beziehungen. Wann immer bekannt wurde, dass er einen Fall vor Gericht vertrat, drängten sich die Zuschauer in den Rängen. Seine Großzügigkeit war ebenfalls stadtbekannt. Er unterstützte kostenlose Badetage in den Thermen, wobei sein Name auf einem Banner über dem Eingang prangte. In der Arena trug eine der Zeltbahnen, die zum Schutz vor der Sonne über einen Teil der Tribüne gezogen wurde, seinen Namen, um die Zuschauer darüber zu informieren, dass dieser Sonnenschutz kostenlos von ihm zur Verfügung gestellt wurde. Er ließ Sklaven mit Flöten und Trommeln durch die Straßen marschieren, die seine Größe proklamierten, gefolgt von noch
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