Leopard
einem Abschied in Gnaden die Rede sein. Ich habe euch klar zu verstehen gegeben, dass ihr mit vollendeter Diskretion zu Werke gehen müsst.«
»Ja«, sagte Harry. »Ich habe Beate Lonn gebeten, Infos über eine gewisse Seilerei an das Kriminalamt durchsickern zu lassen, und sie hat mir versprochen, es so darzustellen, als sei die Kriminaltechnik die Quelle.«
»Das hat sie sicher auch gemacht«, sagte Hagen. »Der Dorfpolizist aus Ytre Enebakk hat dich verraten, Harry.«
Harry verdrehte die Augen und fluchte leise.
Hagen klatschte in die Hände, und es hallte trocken zwischen den kahlen Wänden wider. »Ich muss euch also den traurigen Befehl geben, mit augenblicklicher Wirkung alle Ermittlungen in diesem Fall einzustellen und dieses Büro im Laufe der nächsten achtundvierzig Stunden zu räumen.
Gomen nasal«
Harry, Kaja und Björn Holm sahen einander an, als die Stahltür sich langsam schloss und Hagens Schritte sich rasch durch den unterirdischen Gang entfernten.
»Achtundvierzig Stunden«, sagte Björn schließlich. »Will jemand frischen Kaffee?«
Harry trat gegen den Mülleimer, der neben dem Tisch stand. Er knallte scheppernd an die Wand, und die wenigen Papiere, die sich darin befanden, flogen heraus, bevor er wieder zu ihm zurückrollte.
»Ich bin im Krankenhaus«, sagte er und ging zur Tür.
Harry hatte den harten Holzstuhl ans Fenster gestellt und lauschte dem gleichmäßigen Atem seines Vaters, während er die Zeitung durchblätterte. Seitenweise nur Hochzeiten und Beerdigungen. Links die Bilder von Mark Olsens Beerdigung, das mitfühlende, ernste Gesicht des Ministerpräsidenten, die schwarzen Anzüge der Parteigenossen und ihr Ehemann, Rasmus Olsen, mit einer großen, unvorteilhaften Sonnenbrille. Auf der gegenüberliegenden rechten Seite wurde verkündet, dass die Reedertochter Lene im Frühling ihren Tony bekommen sollte. Der Text war bebildert mit Fotos der prominentesten zu erwartenden Hochzeitsgäste, die allesamt aus Saint-Tropez eingeflogen werden mussten. Auf der letzten Seite stand, dass die Sonne in Oslo heute exakt um 16.58 Uhr untergehen sollte. Harry warf einen Blick auf die Uhr und stellte fest, dass sie das dann wohl gerade hinter der niedrig hängenden Wolkendecke tat, aus der weder Regen noch Schnee fallen wollte. Er sah nach draußen. In den Häusern an dem Hang vor ihm, der einmal zu einem Vulkan gehört hatte, gingen immer mehr Lichter an. In gewisser Weise war es ein beruhigender Gedanke, dass dieser Vulkan sich eines Tages unter ihnen öffnen, sie verschlingen und alle Spuren beseitigen würde, die darauf hindeuteten, dass hier einmal eine zufriedene, wohlorganisierte und mitunter traurige Stadt existiert hatte.
Achtundvierzig Stunden. Warum? Sie würden nicht einmal zwei Stunden brauchen, das sogenannte Büro zu räumen.
Harry schloss die Augen und ging den Fall noch einmal durch. Schrieb im Geist einen letzten Bericht für sein persönliches Archiv.
Zwei Frauen auf dieselbe Weise ermordet, ertrunken in dem Blut, das aus vielen Wunden in ihrem Mund strömte. Beide hatten Ketanomin im Blut. Eine Frau erhängt an einem Sprungturm, mit einem Seil aus einer alten Seilerei. Ein Mann ertrunken in seiner eigenen Badewanne. Die Opfer hatten sich allem Anschein nach zum selben Zeitpunkt in derselben Hütte aufgehalten. Sie hatten noch nicht herausgefunden, wer außerdem in dieser Hütte gewesen war, welches Motiv es für die Morde gab oder was an diesem Tag auf der Hävasshütte geschehen war. Sie hatten nur die Auswirkungen, nicht aber die Ursache.
Case closed.
»Harry …«
Er hatte nicht gehört, dass sein Vater aufgewacht war, und drehte sich um. Olav Hole sah frischer aus, wenn das nicht an seinen roten Wangen und den fieberglänzenden Augen lag. Harry stand auf und schob den Stuhl an das Bett seines Vaters. »Bist du schon lange hier?«
»Zehn Minuten«, log er.
»Ich habe so gut geschlafen«, sagte sein Vater. »Und schön geträumt.«
»Das sieht man. Du siehst aus, als könntest du einfach aufstehen und hier rausspazieren.« Harry schob ihm das Kissen zurecht, und Olav Hole ließ es geschehen, obgleich beide wussten, dass es perfekt lag. »Wie sieht das Haus aus?«
»Prima«, sagte Harry. »Es wird da noch eine Ewigkeit stehen.«
»Gut. Es gibt eine Sache, über die ich mit dir reden will, Harry.«
»Hm.«
»Du bist jetzt ein erwachsener Mann. Du wirst mich auf ganz natürliche Weise verlieren. So soll es sein. Nicht so wie damals, als du deine Mutter verloren
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