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Menschen und Maechte

Menschen und Maechte

Titel: Menschen und Maechte Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Helmut Schmidt
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Besorgnissen auch völkerrechtliche Bedenken geäußert – jedenfalls trat er noch vor Beginn der Befreiungsaktion zurück. Immerhin waren alle vorausgegangenen politischen Versuche, auf Teheran einzuwirken, erfolglos geblieben, und fast jedermann war unter diesen Umständen bereit, Washington das Recht zur Verteidigung von Freiheit und Leben seiner Staatsangehörigen im Iran zuzugestehen. Offensichtlich gab es im Chaos des Iran keine Autorität mehr, welche die Sicherheit fremder Staatsbürger garantieren konnte. Auch hatte es einige Zeit zuvor zwei spektakuläre Aktionen von einer gewissen Vergleichbarkeit gegeben; nämlich zum einen 1977 die gewaltsame Befreiung von fast hundert Deutschen, deren Flugzeug durch Terroristen nach Mogadiscio in Somalia entführt und die dort als Geiseln mit dem Tode bedroht worden waren; zum anderen die gewaltsame Befreiung entführter Israelis in Entebbe in Uganda. In beiden Fällen waren die Befreiungsaktionen weit vom Heimatstaat entfernt mittels insgeheim eingeflogener bewaffneter
Kräfte durchgeführt worden. Die Operation in Mogadiscio war riskant gewesen, denn sie mußte innerhalb weniger Stunden improvisiert werden; trotzdem war sie wesentlich einfacher durchzuführen als die Operation in Entebbe, weil der somalische Staatschef Siad Barre sein Einverständnis gegeben hatte.
    Die Aktion zur Befreiung der amerikanischen Geiseln in Teheran war ein noch weit schwierigeres Unternehmen als Entebbe; allerdings hatte man reichlich Zeit zur Vorbereitung. Um so wichtiger wäre eine sorgfältige Planung und eine ausreichende materielle und personelle Stärke des Kommandos gewesen, zumal es von seinem Landeplatz in der Wüste mehrere hundert Kilometer nach Teheran und zurück hätte bewältigen müssen. Der überstürzte Abbruch der Aktion, kaum daß sie begonnen hatte, die offenbare Nervosität der handelnden Personen, die Konfusion an Ort und Stelle: all dies löste bei mir und bei anderen Regierungschefs und Verteidigungsministern gewisse Zweifel an der Gefechtsfähigkeit der eingesetzten konventionellen Waffen der Amerikaner aus. Natürlich ließ keine europäische Regierung solche Zweifel erkennen. Die Skepsis wurde 1983 durch Reagans bombastisch inszenierte Landungsoperation auf der kleinen Antilleninsel Grenada keineswegs behoben.
    Der empörende Abschuß eines vom Kurs abgewichenen koreanischen Verkehrsflugzeuges durch die sowjetische Luftverteidigung hat meine Zweifel an der Solidität der amerikanischen Operationsfähigkeit bestärkt. Natürlich war die sowjetische Reaktion, über deren einzelne Schritte der Westen durch den aufgezeichneten Funksprechverkehr genau unterrichtet war, ein Skandal; aber die amerikanische Radaraufklärung über dem nördlichen Pazifik, besonders um Kamtschatka und Sachalin, hätte erkennen müssen, daß sich hier ein tödliches Drama entwickelte – doch weder wurde das koreanische Verkehrsflugzeug gewarnt, noch wurde das sowjetische Befehlszentrum informiert, daß sich ein tragisches Mißverständnis zu entwickeln begann. Noch immer habe ich den Eindruck, daß bei den amerikanischen Streitkräften das Reglement eine zu große Rolle spielt und daß die Erziehung der unteren Vorgesetzten zum selbständigen Entschluß vernachlässigt wird. Manches
spricht dafür, daß der Wille zur Selbständigkeit bei den unteren Führungsstellen und Kommandobehörden sogar entmutigt wird. Jedenfalls werden selbst gefechtstaktische Entscheidungen viel zu weit oben getroffen, »weit ab vom Schuß«. Auch im Zweiten Weltkrieg waren taktisch wendige militärische Führer wie Patton und Bradley offenbar die Ausnahme, welche die Regel bestätigt.
    Natürlich muß bei akut drohender Involvierung nuklearer Waffen von der politischen Spitze des Staates aus geführt werden. Wahrscheinlich ist das militärische Führungssystem der USA aber zu stark auf diese eine Eventualität zugeschnitten. Auch unabhängig davon symbolisiert die Ansammlung von mehr als 30 000 Soldaten und Beamten im Pentagon eine hohe Kopflastigkeit des militärischen Apparates. Die Carter-Administration hatte dies nicht zu verantworten; sie hat das schwerfällige System vorgefunden, hat es allerdings auch nicht reformiert.
    Der Fehlschlag des Carterschen Befreiungsunternehmens in Teheran war der äußere Höhepunkt einer verfehlten amerikanischen Iranpolitik. Der Schah war in den fünfziger Jahren mit Hilfe des amerikanischen Geheimdienstes Sieger über den Putschversuch des populären Ministerpräsidenten

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