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Menschen und Maechte

Menschen und Maechte

Titel: Menschen und Maechte Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Helmut Schmidt
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zukam, und in vielen Kontakten mit dem ägyptischen Präsidenten Sadat, der ohnehin den Meinungsaustausch mit mir suchte. Von der für ihn entscheidend wichtigen Rückgabe der Sinai-Halbinsel abgesehen, hat Sadat sein Ziel – eine Autonomie für die Palästinenser im West-Jordan-Gebiet und im Gazastreifen – nicht erreichen können. Dennoch nahm er eine bedenkliche Isolierung Ägyptens im Verhältnis zu den anderen arabischen Staaten in Kauf. Die Gefahr – auch für ihn persönlich – war in Kairo deutlich erkennbar. Da Sadat in seiner Großherzigkeit solche Risiken auf sich nahm, scheinen die USA geglaubt zu haben, zur Begrenzung seines Risikos keine besonderen Anstrengungen unternehmen zu müssen.
    Für uns in Bonn gab es keinen Grund zur Einmischung, wenngleich ich mit Besorgnis sah, daß der Friedensvertrag, eben weil er für die von Israel besetzten Territorien in Westjordanien und im Gazastreifen keine Lösung bot, Ägypten innerhalb der arabischen
Liga isolieren und damit in steigende Abhängigkeit von den USA bringen konnte; deutlich war mir auch, daß der Prozeß die USA als bedingungslosen Bundesgenossen Israels erscheinen lassen und damit besonders die saudische Führung befremden mußte.
    Riad hatte sich bis dahin sehr zurückgehalten; die Saudis hatten Sadats Initiative anfänglich toleriert, wenn auch ohne öffentliche Billigung. Die Hoffnungen König Khalids richteten sich auf eine »Lösung« für das Jerusalemproblem: eine Internationalisierung des Bezirkes der heiligen Stätten mit der Fahne des Propheten über dem Felsendom, der Stätte, von der aus Mohammed in den Himmel erhoben worden ist. An der Klagemauer sollte die Fahne Israels wehen, und für die heiligen Stätten der Christenheit hatte er ein vergleichbares Symbol ins Auge gefaßt: Jerusalem als die heilige Stätte der drei großen Weltreligionen. Obgleich die Preispolitik der OPEC, welche die Weltwirtschaft erschüttert hatte, ohne saudische Führung nicht möglich gewesen wäre, war Washington bis dahin behutsam mit Riad umgegangen. Um so mehr waren die Saudis über Camp David enttäuscht, das ihre Vision einer Friedenslösung desavouierte.
    Die europäischen Regierungschefs haben sich am 12. und 13. Juni 1980 in Venedig auf eine Erklärung zum Nahen Osten verständigt. Wir stützen uns dabei auf die UNO-Resolutionen 242 und 338 sowie auf eigene Stellungnahmen seit 1977. In dieser Erklärung heißt es, man beabsichtige, Konsultationen mit den verschiedenen Parteien aufzunehmen und entsprechend den Ergebnissen dieser Gespräche eine Initiative zu ergreifen. Dazu fühlten sich die Länder der Europäischen Gemeinschaft wegen der traditionellen Bindungen und gemeinsamen Interessen zwischen Europa und dem Nahen Osten verpflichtet. Carter verhielt sich zu diesen Vorschlägen indifferent. Der Einfluß Israels auf die amerikanischen Medien und damit auf die amerikanische Innenpolitik erschien ihm offenbar zu stark und eine ausgewogene Mittelostpolitik daher innenpolitisch riskant. So blieben die europäischen Ratschläge ohne Ergebnis.
    Aber eben jetzt begann eine Kette von umwälzenden Ereignissen die Gesamtlage im Mittleren Osten von Grund auf zu verändern. Im Januar 1979 hatte eine revolutionäre Erhebung der Massen
das zuletzt größenwahnsinnige Regime des Schahs gestürzt und nach einer mehrjährigen Phase des Chaos und der Krise das fanatisch antiamerikanische (und antiwestliche) Khomeini-Regime etabliert. Im Dezember 1979 war die Sowjetunion in Afghanistan einmarschiert und hatte – nach vorangegangener zweijähriger sowjetischer Einmischung – ganz unverhüllt ein kommunistisches Satellitenregime installiert. Im November 1980 war der Irak in Grenzregionen des Iran einmarschiert; dies sollte – entgegen den Erwartungen Bagdads – zu einem langen erbitterten Krieg führen.
    Seit dem November 1979 war es im Zusammenhang mit der von Khomeini zunächst geduldeten, später ausdrücklich geförderten Besetzung der amerikanischen Botschaft in Teheran und der Geiselnahme von 52 amerikanischen Staatsbürgern zu einem schnellen Verfall der amerikanischen Autorität in der gesamten Region des Nahen und Mittleren Ostens gekommen. Die dilettantische Vorbereitung und die schwächliche Durchführung einer fehlgeschlagenen militärischen Befreiungsaktion versetzten Carters Ansehen den entscheidenden Schlag.
    Man konnte darüber streiten, ob die Anwendung militärischer Gewalt in diesem Falle gerechtfertigt war; offenbar hat Vance neben anderen

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