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Menschen und Maechte

Menschen und Maechte

Titel: Menschen und Maechte Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Helmut Schmidt
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Brzezinski mit einer Maschinenpistole in der Hand an der afghanischen Grenze für die Weltpresse fotografieren. Carter reduzierte den diplomatischen Verkehr mit Moskau und setzte die Ratifikation von SALT II aus.
    Für die Ratifikation gab es im Senat in Washington ohnehin kaum noch eine Chance; mit der Aussetzung des Verfahrens versuchte Carter nun, aus der innenpolitischen Not eine außenpolitische Tugend zu machen. Der Vorwahlkampf zu den im November 1980 fälligen Präsidentschaftswahlen war in vollem Gange, und der Präsidentschaftskandidat Reagan kritisierte den SALT-II-Vertrag auf das schärfste. Im ganzen Lande breitete sich eine starke antisowjetische Stimmung aus. Carter suchte sich diesem Trend anzupassen, aber weder seine Autorität noch seine Kraft reichten aus, diesen Trend zu steuern, den Überblick zu bewahren und sich die Entscheidungsgewalt über den politischen Prozeß gegenüber der Sowjetunion vorzubehalten.

    Immerhin gelang es der Carter-Administration in relativ kurzer Zeit, eine Reihe strategischer Punkte für eine zukünftige amerikanische Politik am Persischen Golf neu zu etablieren. Das Verhältnis zu Pakistan wurde wieder entkrampft; Washington und Islamabad brauchten sich inzwischen gegenseitig. Mit Oman, Somalia und Kenia kamen Stützpunktvereinbarungen zustande. Da aus gesamtstrategischen Gründen eine direkte militärische Abstützung auf Israel nicht in Betracht kommen konnte, andererseits das Verhältnis zu dem in vielerlei Hinsicht enttäuschten Saudi-Arabien abgekühlt war, wurde Ägypten nolens volens zu einem Anker der amerikanischen Position. Aber das belastete die innenpolitische Lage Sadats zusätzlich und gefährdete ihn außenpolitisch noch mehr; der Zündstoff häufte sich, als Ende 1980 die ersten Übungen der neugeschaffenen »Rapid Deployment Forces« auf ägyptischem Boden abgehalten wurden.
    Es gab aber auch eine Kehrseite all dieser Anstrengungen: Sowohl die »linken«, sich betont »fortschrittlich« gebenden arabischen Regierungen als auch die traditionalistisch-konservativen Regimes der Region gewannen den Eindruck, die USA strebten im Mittleren Osten nach einer hegemonialen Stellung. Dies löste bei ihnen die Besorgnis aus, beide Supermächte könnten sich im Zuge des Krieges zwischen Iran und Irak direkt einmischen, und da die sowjetischen Streitkräfte weit entfernt schienen, kam es vorwiegend zu antiamerikanischen Stimmungen. Die öffentliche Erklärung von Reagans Außenminister Alexander Haig am 18. März 1981 über die »strategische Übereinstimmung« (»strategic understandig«) zwischen den USA und Israel hat diesen Trend noch verstärkt. Ebenso überflüssig war Reagans unglücklich verlaufenes, von vornherein aussichtsloses militärisches Engagement im Minenfeld Libanon 1983; niemand bei uns begriff, wie man sich von dieser militärischen Aktion eine Klärung der verworrenen Verhältnisse erhoffen konnte.
    In Paris und in London gibt es bessere Kenntnisse und mehr Verständnis, was den Nahen Osten anlangt, als in Washington; man hat auch größere Erfahrungen. Diese Erfahrungen mit den religiösen und politischen Kräften der Region gehen an der Seine wie
an der Themse auf Generationen zurück. Madrid hat noch ältere – wenngleich begrenzte – Einblicke in arabische Mentalität. Dennoch, oder besser: gerade deswegen ist keine europäische Regierung oder gar die Europäische Gemeinschaft auf den Gedanken gekommen, der Westen könne eine »Lösung« für »das Nahostproblem« anbieten oder verwirklichen. In Europa weiß man, daß anhaltender Friede in der Region, zumindest in einem großen Teil, zuletzt unter der Herrschaft des Osmanischen Reiches geherrscht hat. Eine solche Herrschaft ist aber heute weder tatsächlich möglich noch sittlich verantwortbar. Die Ordnungsmächte des Osmanischen und des Habsburgischen Reiches sind mit dem Ersten Weltkrieg zerbrochen; jede Vorstellung, ähnliche Macht über dem Nahen und Mittleren Osten oder über dem Balkan aufzurichten, bleibt Illusion. Im einen Falle erlebt das heute Washington, im anderen Moskau.
    Die Amerikaner sind in dieser Hinsicht optimistischer. Sie wissen nicht, daß Sabotageakte junger Palästinenser angesichts einer seit zwanzig Jahren bestehenden fremden Militärregierung nicht einfach in Bausch und Bogen als »internationaler Terrorismus« verdammt werden können. Der Kampf dagegen kann so lange erfolglos bleiben, wie die Ursachen der Erbitterung nicht beseitigt oder wesentlich gemindert

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