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Menschen und Maechte

Menschen und Maechte

Titel: Menschen und Maechte Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Helmut Schmidt
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jenes sozialen Idealismus, der große Teile der demokratischen Partei der Ostküste seit Roosevelts New Deal immer wieder ausgezeichnet hat.
    Für einen deutschen Sozialdemokraten liegt es nahe, den traditionellen Konservatismus der Südstaaten-Demokraten abzulehnen, sich ansonsten aber zur demokratischen Partei und zu den Gewerkschaften hingezogen zu fühlen. So ist es zunächst auch mir ergangen, bis ich als Kanzler ausländischen Staatsmännern gegenüberzutreten und mit ihnen zu verhandeln hatte. Jetzt begriff ich: Affinitäten auf Grund der Parteizugehörigkeit können zwar außenpolitisch bisweilen von Nutzen sein; entscheidend aber sind Urteils- und Entschlußkraft des jeweiligen Gegenüber, seine Fähigkeit, ein gegebenes Wort zu Hause durchzusetzen, seine Zuverlässigkeit und seine Stetigkeit. Gemessen daran ist es ziemlich unwichtig, ob einer ein Republikaner ist oder ein Demokrat.
    Seit 1969 habe ich mit vier amerikanischen Präsidenten und ihren Administrationen zusammengearbeitet – am glücklichsten
mit Gerald Ford, der ein Republikaner ist, deutlich weniger glücklich mit Carter, dem Demokraten, und mit Reagan, der wiederum ein Republikaner ist.
    Nixon: die Strategie des Gleichgewichts
    Wenn in Europa die Rede auf Richard M. Nixon kommt, so fällt jedem automatisch der Watergate-Skandal ein; Nixons Name löst Unbehagen aus. Ich habe das oft zu spüren bekommen, wenn ich ihn – aus Überzeugung – einen weltpolitischen Strategen von hohen Graden nannte.
    Nixon muß auf seine weltpolitische Rolle gut vorbereitet gewesen sein, als er Ende 1968 im Wettstreit mit Hubert Humphrey zum Präsidenten gewählt wurde. Ein Jahr später erlebte ich ihn zum ersten Mal. Mein amerikanischer Kollege im Verteidigungsministerium, Melvin Laird, hatte im November 1969 die Mitglieder der Nuclear Planning Group der NATO zu einer Sitzung auf die Farm Airlie-House in Virginia eingeladen. Am zweiten Tag wurden wir vom Präsidenten zum Frühstück in das Weiße Haus gebeten. Manlio Brosio, damals Generalsekretär des Bündnisses, stellte uns vor, wir aßen unsere »cereals« und »scrambled eggs«, und dann sprach Nixon etwa zehn Minuten über die Weltlage. Er sagte weder Tiefschürfendes noch Neues oder gar Originelles – seine Bemerkungen waren wenig mehr als gehobener »small talk«, gedacht als höfliche Geste an uns. Als Nixon geendet hatte, erhob sich Brosio und sagte ihm ziemlich unverblümt, das alles reiche eigentlich nicht aus – etwas mehr Substanz hätten wir uns schon gewünscht.
    Nixon zuckte etwas zurück. Dann besann er sich und hielt eine etwa dreiviertelstündige zweite Rede ganz aus dem Stegreif (ich saß neben ihm und konnte sehen, daß er ohne Notizen sprach). Der wichtigste Mann des westlichen Bündnisses entwickelte vor uns ein gleichsam improvisiertes, aber nichtsdestoweniger überzeugendes Bild der Welt. Er analysierte die Lage in Vietnam, die Rolle der Volksrepublik China und deren wachsende Bedeutung, die Situation der Sowjetunion und die Notwendigkeit einer Zusammenarbeit mit ihr, vor allem um zu einer Begrenzung der strategischen Rüstungen zu gelangen (später SALT genannt). Nixon sprach über den Mittleren Osten und seine Probleme; vor allem ging er detailliert auf die gemeinsame Gesamtstrategie des Nordatlantischen Bündnisses ein. Im Ergebnis wich er nicht von den beiden wichtigen Konzepten ab, welche das Nordatlantische Bündnis sich im Dezember 1967 gegeben hatte: einerseits dem Harmel-Bericht und seiner Doppelstrategie, militärische Sicherheit mit politischer Entspannung zu verbinden, andererseits der militärischen Strategie der »flexible response«.

    Am 12. November 1969 bat Richard Nixon die Mitglieder der Nuclear Planning Group der NATO zum Frühstück ins Weiße Haus. Nixons Kompetenz in außenpolitischen Fragen nötigte Schmidt augenblicklich Respekt ab.

    Ich war gewiß nicht der einzige, der angesichts von Nixons Kompetenz augenblicklich Respekt empfand. Nach Bonn zurückgekehrt, ging ich zu Willy Brandt. Dieser bereitete sich auf seinen ersten Besuch in Washington als Bundeskanzler vor, und ich riet ihm, seine Vorbereitungen sehr ernst zu nehmen, um unsere deutschen Interessen und Absichten in den Gesamtzusammenhang westlicher Strategie einbetten zu können, wenn er mit Nixon spreche. Der amerikanische Präsident verstehe sein Geschäft, jedenfalls verstehe er von Strategie gegenüber der Sowjetunion sehr viel mehr als Johnson, von dem Brandt in Berlin so enttäuscht gewesen

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